km 2300 – Grüße aus der Zukunft!

Liebe Reiseradlergeschichtenleser,

wir haben uns die größte Mühe gegeben euch nicht erneut so lange warten zu lassen – also los 😊

Jetzt sind wir endgültig raus aus den Bergen der Tatra. Ungarn empfängt uns mit einer saftig, grünen, frühlingshaften Landschaft. Die Berge werden immer flacher, das Wetter immer wärmer. Die Menschen schauen uns hingegen eher zurückhaltend an, wenn wir sie auf der Straße grüßen. Dennoch schaffen wir es, Ungarn ein bisschen persönlicher kennenzulernen. Doch lest selbst:

Von Milans Pension in Šumiac führte uns unser Weg nahezu direkt nach Süden. Einen letzten Pass mussten wir direkt zu Beginn bezwingen, von da an ging es nur noch bergab – teilweise richtig ordentlich, zumindest standen zu Tagesende über 71 km/h als Maximalgeschwindigkeit im Fahrradcomputer. Da musst du dich dann doch mal kurz mit beiden Händen am Lenker festhalten 😊. Geplantes Tageshighlight sollte ein ehemaliger Eisenbahntunnel sein, der das einstmals abgeschnittene Nachbartal wieder mit der restlichen Slowakei verbinden sollte. Zwei Tunnel und ein Viadukt sind auch fertig, die Eisenbahn fehlt jedoch. Wir entscheiden uns für einen recht abenteuerlich geführten Weg um zum ersten Tunnel zu gelangen. Nicht nur einmal müssen wir schieben.

Das Tunnelportal sieht aus, als wäre es schon gut 60 Jahre alt (das genaue Alter ließ sich leider nicht herausfinden). Vor dem Portal qualmen die Reste eines Lagerfeuers. Bei genauerem Hinsehen stellen wir fest, dass der Hauptbrennstoff aus Altreifen bestand, was somit auch den beißenden Geruch in der Nase erklärt. Das Tunnelportal ist weitestgehend zugemauert. Nur ein relativ kleines ca. 1x2m großes Loch wurde in die Ziegelfront reingehackt. Wenige Meter vor dem Tunnelportal weist ein Radwegweiser unmissverständlich den Weg durch dieses Loch. Unbehagen macht sich in uns breit. Wir müssen die Räder durch das Loch in den Tunnel heben. Zu schmal ist die Öffnung, zu groß die Stufe dahinter. Im Tunnel ist nichts. Kein Licht, kein extra hergerichteter Radweg, nichts. Nur das Licht am Ende des Tunnels und eine ziemlich tiefe Längsrinne genau in der Mitte. Links und rechts dieser Rinne kann man fahren, wobei der Seitenwechsel bei 0,50 m Rinnenbreite während der Fahrt eher unmöglich ist. So bleiben uns gut 2 m Breite zum Fahren. Es tropft von der Decke. Eine kühle, leicht muffige Brise weht uns um die Ohren. Oh je. Wir rollen langsam los. Wirklich schnell fahren können wir nicht. Alle 3 m rütteln uns überaus breite Querrinnen im Boden ordentlich durch. Durch die geringe Geschwindigkeit kommt aus unseren Dynamolampen auch nur Flackerlicht, was die unheimliche Atmosphäre nur nochmal unterstreicht. Im Vorbeifahren bemerken wir, dass gut alle 50 m Nischen in der Wand sind. Was genau da drin ist, erkennen wir im schwachen Licht unserer Lampen nicht. Vielleicht derjenige, der vor einer Stunde noch draußen seine Reifen verfeuert hat? Wir denken lieber nicht weiter darüber nach, sondern erhöhen dezent das Tempo. Das Licht am Ende des Tunnels kommt immer näher – wir haben es geschafft. Räder wieder aus dem Tunnel einen halben Meter nach oben durch das schmale Loch heraushieven – durchatmen. Puh, geschafft! 245m Tunnel – ein ganz schöner Nervenkitzel. 😉

Das eigentliche Tagesziel sollte aber erst noch kommen – der große Tunnel ins Nachbartal. Wir kämpfen uns weiter über Stock und Stein auf dem „Radweg“ zum Tunneleingang. Die Nervosität steigt, als wir das Tunnelportal sehen. Es liegt in einem Geländeeinschnitt ca. 10 m unter uns. Direkt neben dem Tunnelportal sprudelt ein Wasserfall. Wer in den Tunnel hinein möchte, hat die Wahl: Entweder eine große steile Holztreppe, dann durch einen Bach und dann durch den Wasserfall, oder schon eher in den Bach und dann durch den Wasserfall in den Tunnel. Wir laufen zunächst erstmal zum Tunneleingang. Hier ist zumindest nichts zugemauert. Direkt am Tunneleingang ist durch den Wasserfall eine riesige Wasserlache entstanden, die den Untergrund nicht erkennen lässt. Auch die Länge des Tunnels ist nicht erkennbar. Einfach nur ein schwarzes Loch. Ohne Licht und alles. Wir lesen erst später, als wir uns schon gegen die Fahrt durch den Tunnel entschieden haben, dass dieser 2,4 km lang gewesen wäre. Wir sind nicht böse darüber, dass wir bereits wegen des schwierigen Zuganges auf eine Fahrt durch den 2.Tunnel verzichtet haben. Schon der kurze Tunnel war genug Abenteuer für den Tag.

Zurück im Ort – Magnezitovce, versuchen wir nun einen Schlafplatz zu finden. Der Ort scheint der Hauptwohnort vieler Arbeiter des großen Magnesitwerkes hier zu sein – der Name lässt zumindest darauf schließen. Wir sehen aber auch wieder viele Zigeuner, alles durchmischt. Nachdem uns zunächst 2 Kerle in unserem Alter nicht weiterhelfen konnten, treffen wir auf ein Mädel, die nach kurzem Gespräch mit 3 anderen auf der Straße uns zum örtlichen Fußballplatz führt. Genial. Mehr wollten wir auch nicht. Es ist schon spät – und schon wieder sehr kalt. Wir haben hier dicke Jacken und Handschuhe an, während das Mädel noch im dünnen Wollpulli herumläuft. Ihr scheint auch kalt zu sein und doch bringt sie uns die 10 Minuten bis zu exakt der Stelle, wo wir zelten können. Schnell stellen wir unser Zelt auf und verkriechen uns. Im Zelt essen wir erstmal etwas im wärmenden Schutz der Schlafsäcke. Es ist schon fast dunkel, da hören wir draußen eine Stimme. Es ist wieder das Mädel – ihren Namen wissen wir leider nicht. Inzwischen hat sie noch eine Weste übergezogen – meiner Meinung nach immer noch viel zu wenig für die Kälte. Sie wärmt ihre Hände an einem metallenen Gegenstand – nein! An einer Thermosflasche! Sie ist tatsächlich nochmal zu uns heruntergekommen um uns eine Thermoskanne mit heißem Tee zu bringen! Wir sind überwältigt. Damit hätten wir nun wirklich gar nicht mehr gerechnet! Der Tee bringt nochmal schön Wärme in unsere Körper – so können wir zufrieden und glücklich einschlafen.

Der nächste Tag führt uns durch immer flacher und weiter werdendes Hügelland nach Ungarn. Die Sonne scheint kräftig, doch der Wind ist noch sehr kalt. Der heutige Grenzübertritt kommt uns trotzdem wie ein Wechsel des Fernsehsenders vor. In Ungarn ist es gefühlt 10 Grad wärmer und der Frühling ist hier mindestens schon einen Monat in vollem Gange. Alles ist saftig grün. Die Kühe stehen auf der Weide, die Leute arbeiten auf ihren Feldern oder in ihren Gärten. Die Landschaft ist schön offen, die Orte angenehm weit auseinander. Wir haben kein Problem einen schönen Platz für unser Zelt zu finden und schlafen mal wieder eine Nacht in der „Wildnis“.

An der Grenze haben wir auch gleich die erste Souvenierverkäuferin angesprochen und uns mit einem ungarischen Grundwortschatz ausgestattet. Was uns jedoch auffällt – im Gegensatz zu den Ländern bisher, wo ein Großteil der Leute unseren Gruß erwiderte, ernten wir hier fast ausnahmslos skeptische Blicke, jedoch keinen Gegengruß. Liegt es an uns? Ok.. wir fahren hier schon teilweise durch eher ärmer aussehende Dörfer und sehen wahrscheinlich aus wie Außerirdische auf 2-rädrigen Raumschiffen – darüber sind wir uns schon im Klaren. Aber auch in der Slowakei gab es genug vergleichbare arme Landstriche und da wurde auch gegrüßt… Seltsam.

Erst als wir bei Leen – einem Holländer, der seit 18 Jahren im Touristenort Szilvásvárad die Bikerpension Route 66 (mit Zeltplatz) führt – ein paar Ungarn kennenlernen, werden wir etwas schlauer. Ungarn sind offenbar einfach etwas zurückhaltender, vielleicht auch etwas skeptischer. Nun. Wir fühlen uns hier trotzdem sehr willkommen und grüßen fleißig weiter 😊. Auf Leen’s tollen Zeltplatz bleiben wir dann auch gleich zwei Nächte. Und weil wir die ersten Gäste der Saison sind, sogar für umme! Großartig! Hier gibt’s alles, was unser Herz begehrt. Wäsche waschen dürfen wir auch – auch für umme! Aileen hat sich darüber hinaus im letzten kühlen Slowakeiwind eine Erkältung eingefangen, da ist so eine Pause nicht verkehrt. Lieber Leen, vielen Dank für eure Gastfreundschaft!

Zur Genesung wählen wir auch die nächste Etappe nicht zu lang. Eger ist das Ziel. 30 km, meist leicht bergab mit Schiebewind durch saftig grüne Täler. Obwohl wir erst kurz vor 2 (wieder mal nachmittags) pünktlich zum Regenbeginn bei Leen loskommen, sind wir schon relativ früh in Eger. Wir hatten eigentlich vor, uns in einer festen Unterkunft nochmal etwas auszuruhen, doch diese war irgendwie überbucht. Booking.com hatte zwar versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen, doch mein Telefonanbieter hat keinen richtigen Roaming-Partner in Ungarn. Wir sind also nicht erreichbar für irgendwelche Buchungsänderungen. So stehen wir nun an der Unterkunft und fragen kurzerhand, ob wir nicht einfach im Innenhof auf den paar Quadratmetern Wiese zelten können. Wir dürfen – wunderbar! Damit wir duschen können, wird schnell nochmal das Privatbad auf Vordermann gebracht. Super!

Kaum steht das Zelt, fängt es an Bindfäden zu regnen. Gut dass wir um Unterkunfts-Opi jeder mit einem Schirm ausgestattet wurden. So „wandern“ (eher schwimmen) wir ins Stadtzentrum. Das Gewitter hängt direkt über uns, lässt aber bald nach, sodass wir die schöne Stadt auch nochmal ohne Bindfäden bewundern können.

Nach Eger wird das Land nun langsam aber sicher flach. Die Wälder weichen nun endgültig weitem Ackerland. Hier und da eine Obstplantage. Auf jeden Fall andere Bilder für unsere Augen. Nach so vielen Tagen im Bergland freut man sich, wenn man einfach mal konstant und mit vertretbarem Kraftaufwand relativ zügig übers flache Land radeln kann. Wir wollen zur Theiß. Bei Tiszafüred bildet dieser Fluss ein ausgedehntes Seen- und Sumpfland. Viele Vögel sind hier zu hause. Heuschrecken zirpen. Frösche quaken. Zumindest so lange, bis der Storch kommt. Überall kreucht und fleucht Getier umher. Wir machen Rast am Ufer des Sees und genießen die Ruhe. Wirklich schön hier.

Schön war auch die Unterkunft in Tiszafüred. Nachdem es am Vortag dann doch wieder „nur“ unsere kleine 2-Raum-Stoffwohnung war, wollten wir heute nochmal eine feste Unterkunft probieren und sind auch fündig geworden. Alexander und Elisabeth führen hier eine schöne kleine Privatpension und heißen uns herzlich willkommen. Uns zu Ehren wird sogar am nächsten Morgen ein riesiges Frühstück aufgetafelt, was unserer Ansicht nach genau so viel wert ist, wie unser Zimmer gekostet hat! Viele lieben Dank dafür!

Nach Tiszafüred folgt ein riesiges Vogelschutzgebiet – der Hortobágy-Nationalpark. Auf der Karte sieht man einige Seen und darüber hinaus viele grüne Flächen. Gedanklich bereite ich mich auf eine Fahrt durch schattigen Wald vor. Was kam, ähnelte eher einer weiten Steppenlandschaft. Dürres Grasland, soweit das Auge reicht. Ab und an gibt es Aussichtstürme. Der Sinn dieser Türme ist uns jedoch nicht ganz klar. Es reicht, wenn man sich auf der Straße aufrecht hinstellt und man kann gefühlt 20 km weit schauen. Die Straße ist ebenfalls recht abwechslungslos. Es geht geradeaus. Kilometerlang. Jede kleinste Krümmung wird mit unzähligen Warntafeln angekündigt. Werden wir von einem Lkw überholt, sehen wir diesen erst Minuten später am Horizont im Flimmern der aufgeheizten Straße verschwinden. Schon irgendwie beeindruckend! An einem der Aussichtstürme sitzt ein Radfahrer mit Packtaschen. Der erste Tourenradler seit Levoča. Wir halten an. Er heißt Zoltan und fährt für das Multiple-Sklerose-Projekt Te se add fel! einmal rund um Ungarn. 1600 km sind geplant. Er schlägt sofort vor, ein Facebook-Live-Video zu machen, was dabei herauskam, sehr ihr hier:

https://www.facebook.com/zoltan.ternovan/videos/1468964249838133/?hc_ref=PAGES_TIMELINE

Nach dieser tollen Begegnung geht’s weiter Richtung Debrecen. In einem der letzten Vororte, gut 10 km vor Debrecen biegen wir in eine kleine Dorfstraße ein. Wir haben Ungarn nicht erlebt, wenn wir nicht mindestens einmal mit richtigen Einheimischen – also solche, die nicht im Gastgewerbe arbeiten – in Kontakt getreten sind. So lernen wir Viktória und ihre Eltern Eva und Sándor kennen. Nach kurzer Dolmetscher-Hilfe von Viktorias Schwester Bea dürfen wir unser Zelt im Garten aufschlagen und werden anschließend auf Ungarische Köstlichkeiten ins Haus eingeladen. Es gibt Palinca (typisch ungarischer Obstbrand), Soproni (typisch ungarisches Bier) und Salami. Wir hatten einen sehr lustigen Abend, an dem wir unser Ungarisch weiter aufbessern konnten. Zum ersten Mal kam sogar unser Ohne-Wörter-Buch zum Einsatz – alle waren begeistert von diesem Buch! Als wir unsere Tagebücher zeigen, haben die drei auch ganz große Augen gemacht. So viele Notizen! Sándor fragt, ob er auch etwas hineinschreiben darf und so bekommt jeder von uns eine persönliche Widmung und die Besten Wünsche in sein Buch geschrieben. Wir sind begeistert!

Am nächsten Morgen geht’s zeitig los. Unsere Gastgeber müssen zur Arbeit und wir starten gemeinsam mit Ihnen. Zum Frühstück bekommen wir aber nochmal einen leckeren Kaffee serviert. Vielen Dank für alles liebe Eva, liebe Viktória und lieber Sándor!

Debrecen ist die letzte größere Stadt vor Rumänien. Wir haben eigentlich keine besonderen Erwartungen, werden aber doch sehr überrascht. Durch die Straßen rauschen ganz moderne Straßenbahnen, an den Ampeln hängen Restzeitanzeiger, überall Leute auf Fahrrädern die die bestens ausgebauten Radwege nutzen, generell viele junge Leute. Debrecen scheint eine Studentenstadt zu sein. Uns gefallen die vielen schönen Gebäude, die gepflegte Innenstadt und der wundervoll angelegte Park jedenfalls sehr gut! Wir treffen am Hauptplatz auch gleich noch einen Reiseradler. Es ist Krzysztof aus Polen. Er ist gerade von seiner 13. Radreise durch Rumänien zurückgekehrt und will nun von Debrecen per Zug und Auto nach Hause fahren. Wir wissen noch nicht viel über Rumänien. Was wir wissen: da gibt es wilde Hunde. Das kennen wir schon von Sizilien, doch wir wissen noch nicht wie schlimm es hier ist. Der Ruf Rumäniens diesbezüglich ist auf jeden Fall nicht der Beste und so macht sich etwas Unbehagen in uns breit, je mehr wir uns dem Land nähern. Krzysztof kann auch leider die Hundesache nur bestätigen. Er schwärmt aber trotzdem sehr von dem Land, was uns wieder Mut macht. Gemeinsam zeichnen wir einige interessante Ziele in unsere Karte ein, denn Krzysztof hat schon viel gesehen und dadurch gute Tipps auf Lager. So fühlen wir uns nun etwas startklarer für das nächste Land. Wir radeln zur Grenze.

Wir haben uns für einen kleineren Grenzübergang entscheiden. Kaum Verkehr, vor allem keine Lkw. So richtig wussten wir nicht, was uns erwartet. Ist das so eine Grenze, wie alle anderen bisher auch – eine die man nur noch am Schild erkennt? Nein. Hier gibt es tatsächlich Grenzbeamte. Zum ersten Mal müssen wir unsere Pässe aus der Tasche kramen und uns strengen, aber trotzdem interessierten Blicken stellen. Mit den Pässen ist alles in Ordnung – Rumänien wir kommen!

Über OSMAND – eine Handyapp mit Offlinekarten habe ich einen Zeltplatz im ersten Ort ca. 10 km hinter der Grenze ausfindig gemacht. Als wir da ankommen, stellt sich heraus, dass es da jedoch nichts gibt. Na das geht ja toll los. In Sichtweite zum vermeintlichen Zeltplatz findet sich die Dorfkneipe. Ich gucke nochmal schnell in den Sprachführer, wie man sich hier begrüßt und so treten wir mit einem „Salut“ auf die Terrasse. 6-8 gucken uns fragend an. Keiner hat noch alle Zähne im Mund und dann kommen hier zwei Leute mit ihren Raumschifffahrrädern. Mhh.. Englisch spricht natürlich keiner, Deutsch erst recht nicht. Zeigewörterbuch raus. Schnell stellen wir fest, dass die Leute hier offenbar alle noch ungarisch sprechen. Und so können wir noch ein „Sátor egy éjszaka“ (Zelt, eine Nacht) nachlegen. Kopfschütteln, immer noch lange Gesichter. Keiner traut sich so recht, mit uns zu reden, egal auf welcher Sprache. Binnen 5 Minuten füllt sich das Lokal. Mindestens 10 weitere Leute sind wie aus dem Nichts erschienen. Wir stehen in dem Laden wie Falschgeld. Die Barfrau fragt nochmal beiläufig in die Runde, ob hier einer Englisch spricht und tatsächlich findet sich einer, der einen kennt, der ein paar Wörter englisch kann. Sofort wird dieser angerufen und Aileen kann nochmal unser Anliegen erklären. Schließlich werden wir von unserem Helfer mit dem Auto zu einem Gelände eskortiert, welches aussieht wie ein Bauhof und wo wir unser Zelt hinstellen können. Na bitte! 😊 Sogar fließendes Wasser gibt’s. Purer Luxus!

Wir verkrümeln uns irgendwann ins Zelt und schreiben noch ein wenig in unseren Büchern. Beim Blick aufs Handy stellen wir mit Entsetzen fest, dass es schon fast 12 ist, es uns aber noch gar nicht so spät vorkommt… „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät?“ – Tatsache! Wir haben gar nicht mitbekommen, dass Rumänien bereits in der Osteuropäischen Zeitzone liegt. Ehrlich gesagt, wussten wir bis dato nichts von einer Osteuropäischen Zeitzone. Wir sind euch jetzt also eine Stunde voraus! Wenn ihr wissen wollt, wie die Zukunft wird, fragt uns! 😊

Am nächsten Morgen füllen wir unsere Trinkflaschen gleich noch mit dem Wasser. Da das Leitungswasser für den deutschen Gaumen bereits seit der Slowakei aufgrund des hohen Chlorgehaltes und manchmal auch wegen anderer Schwebstoffe fast ungenießbar ist, drücken wir das Wasser vorsichtshalber nochmal durch unseren Filter. Schmeckt danach ganz gut! Wir sind anschließend noch keine 3 km auf der Straße, da winkt uns der erste Mann heran. Eine sehr mächtige Erscheinung, aber mit sehr freundlichem Gesicht. Wir verstehen nichts von dem, was er uns sagen will und können nichts anderes tun als freundlich, aber doof aus unserer Wäsche zu gucken. Schließlich wiederholt er immer wieder „víz, víz“ und macht eine Trinkgeste. Wir haben noch nicht gefrühstückt und jetzt schon der erste Schnaps? Er bittet uns schließlich zum Grundstückseingang, bedeutet uns zu warten und kommt mit einer leeren Plasteflasche zurück und zeigt auf den Wasserhahn auf seinem Hof. Er wiederholt „víz, víz“ und bei uns fällt endlich der Groschen! Kein Schnappus am Morgen, sondern Wasser möchte er uns geben. Wie lieb! Aber wir haben unsere Flaschen vor wenigen Minuten erst gefüllt. Mit ganz vielen „köszönöm“ (Danke) bedanken wir uns und fahren schließlich gut gelaunt weiter.

Die Rumänen machen auf uns einen viel aufgeschlosseneren Eindruck, als wir es in den letzten Tagen in den vielen ungarischen Dörfern erlebt haben. Viel öfter nicken oder winken uns die Leute zu. Selbst Autos und Busse hupen freundlich und winken uns zu. Das gefällt uns gut. Noch wissen wir aber selbst nicht, wie wir die Leute hier grüßen sollen. Am Vorabend habe ich mich mit meinem Rumänisch jedenfalls ein wenig zum Obst gemacht. Doch wie weit reicht nun der ungarische Spracheinfluss ins Land hinein? Vorsichtshalber nicken wir den Leuten nur freundlich zu, nicht dass wir uns nochmal zum Obst machen. Rückwirkend betrachtet eine völlig schwachsinnige Einstellung, aber besser freundlich nicken, als gar nicht grüßen. Es wird wirklich Zeit, dass wir mal jemanden treffen, mit dem wir uns zu diesem Thema verständigen können.

Die Landschaft, durch die wir hier im Nordwesten Rumäniens fahren ist, anders als bis zuletzt in Ungarn, nicht mehr flach, sondern wieder leicht hügelig. Das strengt zwar etwas mehr an, lässt die Landschaft aber auch gleich viel lebendiger aussehen. Lebendiger sind nun auch die Fortbewegungsmittel der Leute. Für uns fast schon touristisches Highlight, für die Leute hier jedoch wirtschaftliche Notwendigkeit sind die Pferdekutschen. Zumindest geht es den Leuten so gut, dass sie Pferde und keine Esel vor ihre Karren spannen. Aber uns begegnen nun immer mehr dieser Nutztiergespanne. Für unsere Augen erstmal sehr ungewohnt, aber irgendwie idyllisch.

Die Sonne brutzelt nun immer mehr. In unserem Essensbeutel finden sich noch 1 kg Kartoffel, ein paar Zwiebeln und Knoblauch. Nach gut 10 Tageskilometern stoppen wir an einem Acker und machen uns ein schönes Bratkartoffelfrühstück. Am Horizont zieht ein Pferdegespann übers Feld. Fast schon kitschig. Aber echt schön! So entspannt wie hier haben wir uns lange nicht mehr gefühlt. Wir trudeln den ganzen restlichen Tag auf der mal mehr, mal weniger befahrenen Straße unserem Ziel, dem Ort Boghis entgegen. Wenige km vor dem Ort werden wir bereits vom Betreiber der Unterkunft empfangen. Was für ein Service. Wir wollten mal wieder eine feste Unterkunft … es ist Waschzeit 😊 und Zeltplätze mit Waschmaschine gibt es hier nicht sonderlich viele… In der Unterkunft gehört dies hingegen zum selbstverständlichen Service, für den wir nicht einmal zahlen müssen! Heute Morgen stand einfach ein Stuhl mit den gewaschenen, getrockneten und zusammengelegten Sachen vor unserer Tür. Genial.

Wir wollen zwar noch keine Vorschusslorbeeren verteilen, aber bisweilen gefällt es uns hier sehr sehr gut und wir fühlen uns auch sehr willkommen. Auch die Hunde waren bisher alle ganz lieb zu uns. Aber wir sind auch erst den dritten Tag hier. Hoffen wir mal, dass es so bleibt.

Wir hoffen auf jeden Fall auch, dass das Wetter erstmal weiterhin so mitspielt und lassen uns noch ein bisschen die Sonne auf den Pelz scheinen. Lasst es euch gut gehen und bis bald!

Eure Radfahrer 🙂

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8 Kommentare zu „km 2300 – Grüße aus der Zukunft!

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  1. Hallo ihr Beiden,
    wieder ein ganz toller Bericht über eure ganzen Erlebnisse! Ich erwarte auch immer ganz gespannt eure neuesten Einträge 🙂 Euch beiden eine gute Weiterfahrt und viele schöne Erlebnisse 🙂
    Liebe Grüße von Franzi aus Dresden 🙂

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  2. Hallo Ihr Zwei!
    Nach unserem gestrigen Fernseh-Telefonat haben wir mit Spannung auf den versprochenen neuen Bericht gewartet. Da habt Ihr ja gruselige Abendteuer mit den Tunneln erlebt. Es ist von Euch wieder eine Meisterleistung, wie Ihr über alle Details berichtet. Bleibt weiterhin im Besitz Eurer Kräfte und weitere schöne Tage. Liebe Grüße von Opa und Oma aus B.

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  3. Hallo ihr beiden Raumfahrer, 😀
    sehr schöner Bericht, großartige Fotos und erneut sehr aufregende Erlebnisse!
    Wobei ich zugeben muss, dass ich vermutlich nicht durch das kleine Loch in den dunklen Tunnel gekrabbelt wäre.
    Jedenfalls ist es sehr interessant, wie sehr sich Land und Menschen bereits verändert haben.
    Ich bin total gespannt, wie es weitergeht!
    Haltet die Ohren steif und eure Raumanzüge stets geschlossen (es sei denn, ihr müsst mal)! 😉
    GLG aus Halle

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  4. Hallo ihr Beiden, wir finden es wirklich ganz wunderbar, dass ihr uns mit euren tollen Reiseberichten an eurem Abenteuer teilhaben lasst, auch wenn uns dann immer ganz gewaltig das Fernweh packt! Wir denken oft an euch und wünschen euch weiterhin gute Fahrt, viel Rückenwind, keine Pannen und nur freundliche Menschen auf eurer Reise! Wo ist eigentlich euer treuer Beifahrer Willi abgeblieben? Den haben wir lange nicht gesehen ;o)))
    Liebe Grüße von Margit aus Dresden

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  5. Hallo Ihr Zwei Weltenbummler. Spannende Story, die Abenteuer fliegen Euch zu und liegen am Wegesrand. Bleibt weiter gesund und voller Energie und Abenteuerlust. Genießt die spannende Zeit und passt weiterhin auf Euch auf! Bitte keine Tunnel mehr ohne Licht 🙂 ! Unsere Herzen sind bei Euch. Viel Spaß wünschen Euch Anke und Papa

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  6. Hallo Ihr Beiden.
    Wir haben das erste mal eure Erlebnisse gelesen. Am Anfang war ich ja skeptisch, dass alles gut läuft. Aber die meisten Berichte sind ja wirklich sehr gut.
    Ihr erlebt ja spannende Storys. Ich hätte den Mut mit dem Tunnel nicht mal zu Fuß gehabt.
    Erstaunlich ist es, dass Ihr immer gastfreundliche Menschen findet.
    Wir wünschen euch weiterhin eine schöne und erlebnisreiche Zeit. Bleibt gesund und munter. Volker und Kerstin

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  7. Haben mit Interesse Eure Berichte gelesen und sind erstaunt, wie viel Aufmerksamkeit Ihr mit
    Eurer Tour erregt.
    Schade, dass zu Beginn Eurer Tour so schlechtes Wetter war.
    Hoffentlich bleibt das Wetter so günstig wie jetzt in Rumänien.
    Ganz liebe Grüße von Oma und Opa aus Riesa

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