Km 5727 – vom Hohen Kaukasus in die Wüste Aserbaidschans

Ihr Lieben,

wir sind in Tadschikistan und machen uns so langsam startklar für unsere letzte große Etappe. Bevor wir diese aber antreten, wollen wir euch nochmal ein kleines Resümee der letzten Wochen in Georgien und Aserbaidschan hinterlassen. Teilt’s euch ein.. ist erstmal das letzte für die nächsten Wochen 😉

Als Radfahrer versuchen wir normalerweise immer die kleineren Nebenrouten zu finden und diese auch zu fahren. Aus Tbilisi sind wir einfach mal mit dem Verkehr mitgeschwommen. Wir haben uns inzwischen sehr gut an die hiesige Fahrweise, die unberechenbaren Fahrmanöver und das ständige Gehupe gewöhnt, sodass wir uns auf so einer 8 Spurigen Stadtstraße auch ziemlich sicher fühlen. Und kaum sind wir aus der Stadt raus, ist die Straße zur Autobahn geworden. In Deutschland undenkbar, hier einfach nur großartig. So langsam verstehen wir, warum im heimischen Radio immer wieder von ausländischen Radfahrern berichtet wird, die die Polizei von der Autobahn holt. Wo sonst gibt es so schön direkt geführte Radwege mit über 3 m Breite?? Hier grüßt die Polizei freundlich und zeigt noch anerkennend den Daumen. Wir sind inzwischen bereits begeisterte Autobahnradler, wenn es mal schnell gehen soll – und das sollte es, denn: wir wollen nach Swanetien. Das ist die Ecke im Norden Georgiens, die sich das nördlich angrenzende Russland noch nicht geholt hat. Westlich grenzt Abchasien, östlich Südossetien an – beides gelten sie als Autonome Republiken, die jedoch von Georgien nicht anerkannt werden. Direkte Folge für uns: Ein- und Durchreise absolut unmöglich! Daher musste ein neuer kürzester Weg her und der führte uns auf der Autobahn erstmal gerade nach Westen. Südossetien geht kurz vor der Stadt Gori sogar bis an die Autobahn ran, sodass wir die Grenzposten direkt sehen können.

In Gori sind auch die ersten 90 km geschafft – der Tag ist rum. Ehe wir zur Zeltplatzsuche kommen, werden wir von der Straße aufgesammelt und zu einer Übernachtung fürs kleine Geld (Aileen hat sehr gut gehandelt) überredet. Bei der anschließenden Nahrungssuche in der Stadt stehen wir plötzlich vor dem Parlament. Das Gebäude an sich ist schon von beeindruckender Größe. Uns beeindruckt aber noch viel mehr, dass sich zu diesem Zeitpunkt gerade mindestens 50 Radfahrer nebeneinander aufbauen. Ein Großteil sogar mit richtig guten Rädern. Sieht aus, als wäre gerade eine Critical Mass zu Ende gegangen. Wer nicht weiß was das ist: In vielen Städten auf der Welt treffen sich jeden letzten Freitag im Monat so viele Radfahrer wie möglich um als kritische Masse im großen Pulk durch die Stadt zu fahren. Bewegt sich solch ein geschlossener Verband, gelten besondere Verkehrsregeln. Zum Beispiel muss nicht angehalten werden, wenn die Ampel auf rot springt, aber erst die Hälfte des Verbandes die Ampel passiert hat. Und ganz offensichtlich ist hier nun, im fernen Georgien, dem Land, in dem wir bislang nicht wirklich viele einheimische Radler getroffen haben, gerade so eine Critical Mass zu Ende gegangen.

Während ich zwei drei Bilder mache, geht Aileen durch die Reihen und fragt einen nach dem anderen „Someone speaks english?“. „No“, „No“, „No“, „No“, „Russisch?“. Hä? Aileen glaubt sich verhört zu haben, dass jemand ihre Frage mit einer knappen Gegenfrage nach einer anderen Sprache auf Deutsch gestellt hat. So lernen wir Lasha kennen 😊 Er hat vor ein paar Jahren ein freiwilliges soziales Jahr in Deutschland absolviert und spricht nahezu perfekt deutsch. Genial! Er lädt uns sofort zu sich nach Hause ein, was wir uns natürlich nicht zweimal sagen lassen. In Lashas Haus werden wir bestens verwöhnt. Wir fahren extra nochmal einkaufen, damit auch genug Bier und Melone da ist. Lashas Frau Marina zaubert uns leckere Khinkali (gefüllte Teigtaschen mit Hackfleischfüllung). Wir fühlen uns wie Staatsgäste und freuen uns über die tolle Bekanntschaft und den superschönen Abend! Am nächsten Tag wollten wir eigentlich früh zeitig aufbrechen, doch Lasha meint, wir sollen unbedingt die 15 km entfernte Höhlenstadt Uplistsikhe anschauen. Leider 15 km in die völlig falsche Richtung, doch wir lassen uns auf den Tipp ein, parken am nächsten Morgen unser gesamtes Gepäck bei Lasha und fahren mit leichten Rädern zur Felsenstadt. Atemberaubende Kulisse, die sich bereits von Weitem andeutet. Kaum zu glauben und dennoch sehr gut vorstellbar und greifbar, wie in den verschiedenen Höhlen einst Menschen wohnten. Bereits im 6. Jh. v. Chr. wurde die Stadt gegründet, im 13. Jh. vom damaligen Mongolenherrscher Ögedei Khan jedoch zerstört. Dennoch sind die Höhlen in unseren Augen in sehr gutem Zustand, wenngleich die Erosion durch das Wetter dem weichen Sandstein inzwischen arg zusetzt. Von kleinen Wohnhöhlen mit Kochnischen, über riesige mehrräumige Höhlen für die Herrscher, Theater, Apotheken bis hin zu einer Kirche gibt es hier eine ganze Menge zu bestaunen. Sogar einen nicht gerade kurzen Tunnel hat man in den Sandstein geschlagen um schnellen Zugang nach unten zum Fluss zur Wasserversorgung zu haben. Wir sind Lasha sehr dankbar für den Tipp und radeln mit vielen neuen Eindrücken einige Stunden später zu ihm und seiner Familie zurück. Offenbar haben wir am Abend vorher so sehr davon geschwärmt, wie gut uns die Khachapuri (Käsebrot, wo der Käse innen drin ist) hier schmecken, dass es sich Marina nicht hat nehmen lassen, uns noch welche ganz frisch zu backen. Wir sind absolut sprachlos und freuen uns sehr. Es ist sogar noch genügend übrig, dass wir noch welche mitnehmen können. Lasha begleitet uns schließlich noch ein paar Kilometer aus Gori heraus, bevor wir uns schließlich leider von ihm verabschieden müssen. Danke ihr Lieben!

Am nächsten Tag stehen wir in Khashuri vor der Wahl, die nächsten 70 km auf einer viel zu schmalen und dafür viel zu stark befahrenen Landstraße – die vorher noch eine Autobahn war – zu fahren, oder mal wieder eine „weiße Straße“. Wir überlegen nicht lange. Die „weiße Straße“ offenbart hier – anders als vorher so oft – direkt ihr wahres Gesicht. Anfangs sind die Asphaltfetzen noch zusammengeschoben, als hätte unlängst ein Erbeben hier die Massen aufeinandergedrückt und dabei aufgetürmt, doch wenige hundert Meter später beginnt die Piste. Schotter, Dreck und Staub. Große Schlaglöcher. Es geht bergauf. Zum Glück nur 200 oder 300 Höhenmeter. Eine Planierraupe und ein Bagger geben der Piste den Rest. Wahrscheinlich sollten die noch das Beste aus der Piste rausholen, doch die kratzen einfach nur sinnlos den Boden kaputt. Von feinem Schotter bis zu fußballgroßen Felsbrocken wird alles ohne nachzudenken von A nach B geschoben. Anschließend fährt die Raupe noch 2 mal drüber – fertig. An anderen Stellen wird die gleiche Arbeit von einem Bagger verrichtet, der auch völlig willkürlich Material von A nach B schiebt, alles aufkratzt und anschließend 2 mal drüber fährt. Wir hatten das Thema auch mit Lasha besprochen und sehen seine Meinung hier mal wieder bestätigt. Die Baumaschinen sind grundsätzlich keine schlechten, es fehlt schlicht und einfach an Know-How.

Die Baustelle war offenbar eine Wanderbaustelle, die sich talwärts arbeitet. Theoretisch müsste jetzt also perfekte und glatte Piste auf uns warten. In der Praxis sah die Piste jedoch vor und nach der Baustelle exakt gleich aus, mit dem einzigen Unterschied, dass man nun überall die Spuren der Baumaschinen sehen konnte.

Die Passhöhe ist wie der Eintritt in einer andere Welt. Das erste Dorf sieht aus wie im Mittelalter. Aus den Häusern, die aussehen, als würden sie gleich zusammenbrechen, gucken Kühe raus. Viele Häuser wirken verlassen, scheinen aber noch bewohnt. Etwas düstere Stimmung. Schön ist aber, dass es für uns tendenziell bergab geht. Ein Engländer, den wir am Vortag mit einer Gruppe anderer Radfahrer trafen, sprach von 45 km schlechter Straße. Doch bergab sollte das für uns machbar sein. Der Pfad windet sich durch ein enges Tal. Nebenher ein reißender Fluss und die Eisenbahn – tatsächlich die Hauptverbindungsstrecke von der Schwarzmeerküste nach Tbilisi. Wir kommen nicht schnell voran, denn einfach rollen lassen ist absolut unmöglich. Aber wir kommen voran und finden am Abend nach abenteuerlicher Flussquerung über eine rustikale Hängebrücke einen zwar sehr offensichtlichen, aber dennoch ganz schönen Schlafplatz. Die Hängebrücke hatte auf jeden Fall schon besser Tage hinter sich. Nicht mal einen Meter breit, jedes zweite Brett extrem morsch und die letzten Bretter fehlten gänzlich, sodass ein großer Schritt von Nöten war. Dazu noch eine Schräglage von bestimmt 20-30 Grad. Wir müssen die Räder abladen und alles einzeln rüber tragen. Die Dorfjugend lässt es sich natürlich dabei nicht nehmen, genau jetzt zu viert auf diesem scheiß klapprigen Ding rumzuturnen. Unter uns der reißende Fluss, doch die Brücke hält. Wieder Erwartens…

Als wir am nächsten Tag dieses wirklich herrliche Tal verlassen, um auf der „großen“ Straße die letzten Kilometer bis zu unserem geplanten Abzweig nach Swanetien zu fahren, sind wir plötzlich sehr verunsichert. Panzer, Raketenwerfer, Truppentransporter und anderer militärischer Schwachsinn fährt unter Amerikanischer Flagge direkt Richtung Tbilisi. Kein schöner Anblick, erst recht nicht wenn man nicht weiß was los ist. Sofort schnappe ich mir das Handy und versuche bei verschiedenen Nachrichtenquellen herauszufinden, was hier los ist. Nichts auffindbar. Schließlich fragen wir Lasha – Ist wohl irgendeine Übung. Insgesamt zählen wir 7 oder 8 umfangreiche Kolonnen. Ganz schön viel Aufwand für eine Übung… Wir sind auf jeden Fall froh, dass wir wenige Kilometer hinter Zestaponi die große Straße endlich verlassen können.

Geradewegs geht es Richtung Norden. Eine schöne Zeltnacht am See beginnt mit einem Hundebesuch am Abend und endet damit, dass am nächsten Morgen eine Kuh mein Fahrrad ableckt. Die Strecke wird zunehmend anstrengender. Von Tkibuli geht es 600 m nach oben. Es ist schwül ohne Ende. Die Wolken hängen in den Bergen, sodass wir kaum Sicht haben. Die Passhöhe ist auf 1200 m. Es bläst ein ordentlicher Wind und zu warm ist‘s hier auch gerade nicht. Aileen zieht sich extra noch eine dicke Jacke über, doch die Überraschung folgt sofort. Wir fahren keine 300 m, da reißt die dichte Wolkendecke auf und geht in strahlend blauen, völlig wolkenfreien Himmel über. Unfassbarer Kontrast. Wie ein Schwarm Fliegen an einem Misthaufen bleiben die Wolken an den Bergen kleben. Von nun an steht unter der Überschrift „Wetter“ jeden Tag das Gleiche im Tagebuch: „Sonne, 36 Grad, kein Wind“. Wenn wir unsere Karte richtig gedeutet haben, ist dieser Pass zugleich die Grenze zu Swanetien. Was für ein Empfang!

Die nächsten 2 Tage bringen uns die Felswände immer näher und näher. Nachdem es vom Pass wieder 700 m runterging, ging es am nächsten Tag 800 m hoch und diese auch gleich wieder runter. Die Luft steht, Schatten ist rar und das Wasser, was wir gierig Liter um Liter in uns reinpumpen kommt quasi direkt zur Haut wieder raus. Unsere Klamotten sind vom sonnengetrockneten Schweiß nicht nur ziemlich weiß, sondern regelrecht steif geworden. Da kommt uns so ein Sprung ins kühle Nass wie die Erfüllung eines längst aufgegeben geglaubten Wunschtraumes vor. Tatsächlich hat sich am Rande eines Ortes jemand die Mühe gemacht, einen kleinen Pool in ein Bachbett zu bauen, in dem es sich herrlich baden ließ. Gut, das Wasser war vielleicht nur 10 Grad warm, doch bei irgendwas zwischen 35 und 40 Grad und Dauersonne den ganzen Tag ist das genau die Temperatur, die uns lieb ist.

Einige Zeit später radeln wir durch beeindruckend enge Schluchten, essen massenhaft Brombeeren, die hier überall zu Hauf an der Straße wachsen und wirklich quietschsüß sind und staunen über eine spektakulär am Hang geführte Straße, die offenbar unser Tal mit dem Nachbartal verbindet. Erst nach und nach kommt uns der Gedanke, dass wohl auch wir diese Straße nutzen müssen. Nochmal mehrere hundert Meter hoch. Das Hochfahren wäre ja nicht so das Problem, wenn man nicht jedes Mal sofort wieder runterfahren müsste. Wir wissen, dass in Swanetien ein Pass mit über 2600 m auf uns wartet, da ärgern wir uns schon ein bisschen über jeden erklommenen Meter, den wir bis dahin wieder runterfahren müssen. So ist es auch hier. Wir hangeln uns ja die ganze Zeit schon irgendwie von Kühlschrank zu Kühlschrank. Immer auf der Suche nach einer erfrischenden Limo oder einem Eis. Hält nur leider nie wirklich lang. Wir brauchen mehrere Pausen, bis wir schließlich nach einigen Serpentinen auf der von weitem gut sichtbaren Querung angekommen sind. Doch was aus einiger Entfernung völlig gerade aussah, entpuppt sich hier nun als konstant durchgezogener 10%-Anstieg. Auf der anderen Seite geht’s in vielen Kurven mächtig bergab. Die Felgen werden durch das ständige Abbremsen derart heiß, dass wir sogar zwei Abkühlpausen einlegen müssen. Ab jetzt sollte es aber tendenziell nur noch bergauf gehen.

Wir steuern geradewegs auf Lentekhi zu. Der Ort liegt auf beeindruckende Weise umgeben von Bergen die allesamt über 3000m hoch sind. Und es ist der letzte größere Ort. Wir holen nochmal Geld und klappern alle 3 Minimärkte des Ortes ab, essen die letzten Khatchapuri in einem kleinen Imbiss und machen uns schließlich auf den Weg in die Berge. Unmittelbar hinter dem Ort hört der Asphalt auf. Ein Erdrutsch hat die alte Straße weggerissen. Doch auch der sich anschließende Asphaltweg ist nur von begrenzter Länge. Alsbald bedankt man sich auf einem Schild vielmals für unser Verständnis, dann beginnt eine superlange Baustelle. Also zumindest liegt ab und an ein Schotterhaufen rum. Neuen Schotter in halbwegs gleichmäßiger Körnung zur Befestigung zu verwenden wäre im Vergleich zur letztbeschriebenen Baustelle schonmal ein Meilenstein der Tiefbaugeschichte. Doch die Menge an Schotter hier reicht maximal für eine wenige Zentimeter dünne Sicht. Also nicht zu viel Hoffnung machen. Abgesehen davon sehen wir auf 20 km Baustelle insgesamt vielleicht 10 Bauarbeiter und 3 oder 4 Baumaschinen (von denen nicht eine im Stande ist, Boden zu verdichten, dass man da drauf was Brauchbares bauen kann…). Die Baustelle ist für uns dennoch etwas Besonderes, denn von nun an reisen wir zu dritt. Für uns ist es nicht mehr ungewöhnlich, wenn uns Hunde hinterherrennen oder ankläffen (oder beides kombinieren). Bei einer kurzen Rast steht plötzlich ein Hund neben uns. Wir denken, dass er wohl einem der wenigen anwesenden Bauarbeiter gehört, doch nach kurzem Beschnuppern entscheidet sich der Hund fortan uns zu folgen. Auch das ist schon ab und an mal passiert. War jedoch nach ein paar hundert Metern für das Tier meist zu anstrengend oder schlichtweg zu langweilig. Doch wir fahren hier nun stetig bergauf. Genau das richtige Tempo um gemütlich nebenherzulaufen.

Nach ein paar Stunden überlegen wir uns bereits wie wir unseren neuen Freund wohl nennen sollten. Da Schnuffi bereits in Rumänien vergeben wurde und wir eigentlich nicht ernsthaft vorhaben, eine emotionale Beziehung zu dem Tier aufzubauen, geben ihr ihm einen möglichst neutralen Namen. Hundihund ist ein sehr selbstständiges Tier. Er sucht sich selber was zu trinken und man muss mit ihm auch nicht Gassi gehen. Er kläfft fortan in jedem Dorf alle anderen Köter an, um für uns das Feld zu räumen und kann richtig gut neben uns herlaufen, ohne einem ständig vors Rad zu rennen. Hundihund ist schon irgendwie cool. Nur den 10 Kilo Sack Hundefutter haben wir in Lentekhi stehen lassen. Konnte ja keiner ahnen. Doch eine weitere Eigenschaft zeichnet unseren neuen Freund aus, denn er ist sehr genügsam. Mehr als ein paar trockene Kekse haben wir halt nicht, doch die schlabbert er ohne zu murren weg. Und vor allem ohne hinterher noch stundenlang sabbernd zu betteln. Am Tagesende ist Hundihund bestimmt schon 15 oder 20 km mit uns mitgelaufen. Hinter einer Brücke finden wir einen ganz passablen Schlafplatz. Zwei Basken, die wir am Vortag schonmal auf der Strecke getroffen hatten, haben ganz in der Nähe ihr Zelt aufgebaut und kochen gerade. Hundihund wird sofort zum Selbstversorger und verabschiedet sich grußlos um den restlichen Abend mit den beiden an deren Kocher zu verbringen. Anfangs noch froh „ihn endlich los zu sein“ ertappen wir uns wenig später doch tatsächlich dabei, wie wir darüber nachdenken, ob er hoffentlich wirklich was bekommen hat. Wir können ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, wie dieses Tier – ein Fleischfresser – hier überleben kann. Es gibt hier nahezu kein Wild, nur Wälder und Wiesen. Und vom Fliegen schnappen wird er ja wohl kaum satt werden.

Als wir am nächsten Morgen gerade zusammenpacken, radeln die beiden Basken bereits an unserem Zeltplatz vorbei. Kein Hund zu sehen. Doch dann kommt er wie eine Rakete angeflitzt. Er scheint sich sehr zu freuen uns wiederzusehen. Und für uns geht die Reise zu dritt weiter. Eine Herde Kühe schiebt sich über den Berg und will eigentlich über unsere Wiese. Hundihund vertritt eine andere Meinung und kann diese beeindruckender Weise tatsächlich durchsetzen. Die Herde wird umgeleitet.

Der letzte laut Karte bis Ushguli vorhandene Ort heißt Mele. Hier gibt es zwar 2 Minimärkte, das Sortiment hält sich aber stark in Grenzen. Doch für uns reicht‘s, suchen wir doch primär nur eine Erfrischungslimo und ein paar Kekse – für uns und für den Hund. Ansonsten haben wir Essen für ein paar Tage dabei. Schön anzusehen sind die Läden dennoch. Es gibt zwar eigentlich nichts, aber dennoch alles. Von jedem genau eins, vielleicht auch zwei und das zieht sich durch alle Sparten. Es gibt weder gelbe Zahnbürsten mit Zahnzwischenraumborsten, noch rote mit Schwingkopf – es gibt eine Zahnbürste. Kein geblümtes dreilagiges Klopapier mit Lavendelduft, nur das olle Zeitungspapier (so nennen wir das graue, harte, einlagige Krepppapier was es hier überall gibt). Kein Duschgel mit Bodylotion-Peeling-Blabla-Irgendwas und Haarwäsche mit Conditioner in einem. Es gibt Seife. Wir finden es immer wieder faszinierend, wie diese Läden trotz extrem beschränktem Warenangebot doch irgendwie alle normalen Bedürfnisse so halbwegs abdecken können.

War der Weg bis Mele schon recht dürftig, wird er ab Mele nochmal 2-3 Stufen schlechter. Schmaler, steiler, größere Schlaglöcher, immer mal ein Schlammloch oder eine kleinere oder größere Wasserdurchfahrt. Uns gefällt sowas inzwischen ganz gut. Kilometermachen wollen wir hier eh nicht, also stört es uns auch nicht, hier im Bummeltempo unterwegs zu sein. Wir werden auf dem Abschnitt vielleicht von 3 oder 4 Autos überholt. Ein Radfahrer kommt uns entgegen. Nicht viel los hier – gefällt uns sehr. Wir sind im Hochgebirge. Der Weg verläuft in einem steilen Tal. Unten tost ein Fluss, der von allen Seiten mit ausreichend Wasser gespeist wird. Die Berge, die uns umgeben sind allesamt über 3000m hoch. Und dann kommt doch nochmal ein Ort. Tsana. Sehr abgeschieden bereits. Kein Handynetz, Telefon sowieso nicht, allerhöchstens Strom. Ein kleiner Imbiss steht direkt am Wegesrand. Auf ihm prangt der Schriftzug „Fast Food“, aber so wirklich was zu essen gibt’s hier nicht. Entweder Tee oder ne kleine Cola. Wir nehmen letzteres. Hundihund bekommt eine Schüssel voll Wasser, da es jetzt schon länger keine Gelegenheit zum Wasserfassen für ihn gab. Aber so recht versteht er nicht, was er mit dem Napf anfangen soll. Der Abend endet schließlich wenige Kilometer später mit ungewöhnlicher Gesellschaft. Wolfgang und Anette aus München arbeiten sich gerade mit ihrem supercoolen Offroad-Minibus die Piste hoch und stoppen an unserem Zelt. Erstkontakt auf Englisch, da wir das Nummernschild nicht gesehen hatten. Ob wir was brauchen. Wir bekommen schließlich ein Bier geschenkt, doch dabei sollte es nicht bleiben. Die beiden sind selbst ihr halbes Leben auf zahlreichen Reisen mit dem Rad unterwegs gewesen. Vorwiegend Südamerika. Wir quatschen uns sofort fest und entscheiden uns schließlich, den Abend gemeinsam zu verbringen, gemeinsam zu kochen und gemeinsam die Bier- und Weinvorräte der beide zu verringern. Ein langer und sehr schöner Abend mit Blick auf schneebedeckte 5000er.

Am nächsten Morgen schaffen wir es nicht wie die Tage zuvor, zeitig zu starten. Ist aber auch nicht weiter schlimm. Wir verabschieden uns lange von den Beiden, was wirklich schwer ist, denn sobald einer was sagt, weiß der andere gleich wieder 10 Storys dazu zu berichten und man quatscht sich sofort wieder fest… aber gegen 12 lösen wir uns voneinander und radeln schonmal voraus. Der Weg ist nun spürbar steiler. Ging es bisher noch relativ gemütlich mit 5-6 % bergauf, bewegen wir und nun bei 8-14 %. Häufig loser Untergrund, viele Furchen und Löcher. Schwerer noch als das Treten an sich ist es, die Balance zu halten. Es ist sauanstrengend! Die Sonne ballert, als gäbe es keinen Morgen mehr. Und Bremsen gibt es hier. Unfassbar viele Bremsen. Riesengroß und sehr beißwütig. Wir schaffen maximal 50 -100 m Abschnitte, dann müssen wir pausieren, trinken und Bremsen tothauen. Hundihund versucht die Bremsen stattdessen zu fressen. Einige Steilstücke, die deutlich über 10% haben, schaffen wir nur zu zweit – schiebend. Anette und Wolfgang sind dennoch erstaunt, wie weit wir in diesem Gelände mit den schweren Rädern bereits gekommen sind. Wolfgang parkt den Bus mitten auf dem Weg, Kofferraum auf, Stühle raus. Wir bekommen eine 2 L Fanta, die wir auch umgehend leeren. Die dritte bereits, die wir bekommen haben… Auch Gummibärchen und Salzbrezen bekommen wir. Wir haben jetzt also ein Versorgungsfahrzeug 😊

Nach erneuter Verabschiedung geht es Meter um Meter weiter den Berg hoch. Die Bäume sind aufgrund der Höhe inzwischen verschwunden. Unfassbar vielfältige Blumenwiesen besiedeln nun die Berghänge soweit das Auge reicht. Wir machen noch unzählige Pausen und schaffen es erst recht spät auf die Passhöhe. Geschafft aber Glücklich stehen wir auf dem 2623 m hohen Zagaro-Pass. Keine Energie mehr um sich über das fehlende Pass-Schild zu ärgern. Tatsächlich ist der Pass an sich sehr unspektakulär, weil langgezogen und flach. Auch die Aussicht ist kurz vor dem Pass noch deutlich besser, denn man radelt die ganze Zeit mit Blick auf 5000er. Wir machen ein Passfoto. Natürlich mit Hundihund. Der ist jetzt schon über 60 km mit uns mitgelaufen. Auf der Passhöhe kommen uns 2 Deutsche mit leichtem Gepäck entgegen. Damit kommt man bestimmt besser den Berg hoch, denken wir uns, aber was soll‘s. Die beiden haben 3 Hunde im Schlepptau, die irgendwie nach der Verabschiedung bei uns bleiben und den beiden nicht weiter folgen wollen. Na toll. Einer von ihnen ist arg aggressiv, was wohl an seiner tiefen Fleischwunde am Bein liegen mag. Uns stört aber primär, dass unser Seelenfrieden mit Hundihund nun gestört ist. Als wir losrollen, folgt Hundihund zwar noch, ganz bald ist er dann aber weg. Erst als wir später vor einem Gewitter unter unserer Zeltplane Unterschlupf suchen, kommt er wieder angeflitzt. Wir sitzen auf der Erde unter unserer Plane, von links kommt Hundihund angeschossen und steht unvermittelt auf meinem Schoß, von rechts kommt der aggressive Schäferhund und will Hundihund angreifen. Und wir zwischen den Fronten. Jetzt reicht‘s. Laut brüllend und Warnsteine schmeißend vertreiben wir die Bande – leider aber damit auch Hundihund. Der kläfft die anderen drei vor sich her, doch wir sehen ihn danach auch nicht nochmal. Bedrückt suchen wir einen Platz fürs Zelt, immer Ausschau nach Hundihund haltend. Doch er ist weg.

Ushguli – Europas höchstgelegene dauerhaft bewohnte Ortschaft – erreichen wir zum Glück noch vor dem großen Touristenstrom. Die Straße auf dieser Seite des Passes fährt sich erheblich besser, ist deutlich ebener und weniger Steil. Ushguli sieht aus wie ein Ort aus einer anderen Welt. Archaische Steinhäuser, abgedeckt mit gehauenen Steinplatten, alles krumm und schief, teilweise kaputt. Viele Gästehäuser einfachsten Standards. Und dazwischen überall Wehrtürme. Die ersten Wehrtürme, die wir in Swanetien sehen, was an unserer Routenrichtung liegen mag. Sehr beeindruckend. Vor dem Panorama der 5000er des hohen Kaukasus regelrecht monumental.

Im übernächsten Ort treffen wir wieder auf unser Versorgungsfahrzeug – völlig unerwartet, da wir dachten, die beiden seien schon in Mestia. Umgehend erhalten wir eine 2 L Fanta 😊 Das fetzt!

Der Verkehr hat hier deutlich zugenommen. Die Piste ist nicht steil, dafür aber extrem staubig. Wir müssen uns irgendwas vor das Gesicht binden, um hier nicht völlig zu ersticken. Bis Mestia gibt es noch einen Pass zu überwinden. Wir verabreden uns mit Wolfang und Anette zum gemeinsamen Campen irgendwo am Pass. Während der 400 hm gibt es einen überraschenden Belagwechsel. Von Hand gießt eine Gruppe Bauarbeiter hier die Betonplatten auf denen später gefahren werden kann. Auf festem Untergrund geht es auf jeden Fall direkt einige km/h schneller den Berg hoch – sehr angenehm. Unsere beiden Versorger haben inzwischen einen echt coolen Campingspot ausgemacht, an dem wir einen weiteren schönen Abend verbringen. Gibt ja noch viel zu erzählen. Da kann es auch schnell wieder 4Uhr morgens werden…

Mestia stand am nächsten Tag auf der Tagesordnung. Gefiel uns ehrlich gesagt aber nicht so. Jedes Haus ist ein Hotel oder Restaurant. Viel wurde neu gebaut. Erinnert uns ein wenig an Mayrhofen und wirkt im Vergleich zu den Ortschaften der letzten paar Tage völlig fehl am Platze. Dennoch verbringen wir hier einige Zeit. Wir treffen viele Radfahrer und essen mit Wolfgang und Anette im Café Leila gemeinsam Mittag. Dieses Café haben wir gezielt angesteuert, da Arne uns bei der Biwak-Tour in Rumänien aufgetragen hat, Grüße an die Inhaberin auszurichten. Die war aber leider nicht da… Sorry Arne. Und schließlich stehen wir irgendwo am Straßenrand und gucken in unser Kartenwerk, um was geeignetes zum Schlafen zu finden, da kommt von hinten unser Versorgungsfahrzeug und von vorn ein Golf aus Berlin. Treffen sich 6 Deutsche in Georgien… Christian und Anika umrunden mal eben in 5 Wochen mit ihrem Golf das Schwarze Meer und tun das auch nicht gerade auf direktem Wege. Coole Leute und coole Story und wer es genau wissen will, guckt hier: https://reisefreiheitzweipunktnull.wordpress.com/

Wir brauchen anschließend noch 2 Tagesetappen, bis wir schließlich die herrliche Bergwelt Swanetiens hinter uns lassen müssen. Letztes Highlight stellt die riesige Staumauer des Enguri-Stausees dar. Der Enguri-Damm ist mit über 271m Höhe die höchste Bogenstaumauer, die Talsperre an sich die drittgrößte der Welt.

Und schließlich sind wir in Zugdidi. Da wir am Vortag unser Aserbaidschan-Visum beantragt haben, tickt nun die Uhr. Mit dem Zug geht’s noch am Abend zurück nach Tbilisi. Nach einem Tag Aufenthalt und ein paar Besorgungen machen wir uns schließlich auf Richtung Grenze. Unser Flug ab Baku ist gebucht. Wir brauchen dazu noch ein paar Tage in Baku, sodass zum Radeln gar nicht mehr so viel Zeit ist. Da wir aber nicht schon wieder Zug fahren wollen, entscheiden wir uns für die schnelle Route und nehmen die M4, die als E60 komplett bis Baku durchgeht. Autobahn – Ziel: 100 km/Tag.

Bereits wenige Kilometer hinter Tbilisi kommen wir uns vor, wie in einer anderen Welt. Karge Steppenlandschaft gepaart mit schroffen Felsen. Wir durchradeln die Stadt Rustavi, von der wir ein völlig anderes Bild hatten. In Tbilisi sind viele Straßen und Plätze in irgendeiner Weise nach dieser Stadt benannt, sodass sich in uns das Bild einer herrlich historisch gewachsenen alten kleinen Stadt aufbaut. Tatsächlich handelt es sich um eine auf dem Papier geplante Plattenbaustadt. Immerhin Georgiens viert-größte Stadt und gleichzeitig auch größter Industriestandort des Landes. Die Stadt hat in der Tat historische Wurzeln, doch Stalin ließ sie in den 40er Jahren im Wesentlichen von Kriegsgefangenen komplett neu aufbauen. Interessanterweise waren es deutsche Kriegsgefangene Architekten, die die neuen Grundrisse der Stadt entworfen haben.

Hinter Rustavi wartet die letzte Bergpassage für die nächsten 600 km auf uns. Allmählich steigt die Straße in karges Felsland an. Absolute Steppe. Verdorrtes Gras. Trockenheit. Sonne. Sengende Hitze. Einige abgemagerte Kühe versuchen noch irgendwo was zu fressen zu finden. Ein paar alte Siedlungen, teilweise bereits aufgegeben. Nicht unbedingt ein lebensfreundlicher Landstrich und doch zugleich sehr faszinierend. Wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopfe und suchen uns in einem kleinen Tal zwischen den Felshügeln einen Schlafplatz für die Nacht. Hätten wir gewusst, dass wir von den paar hundert Metern Fahrrad schieben noch Tage später Dornen aus unseren Reifen puhlen würden und bis Baku somit einige Flicken verbrauchen würden, hätten wir es uns vielleicht nochmal anders überlegt. Andererseits herrscht hier, in mitten dieser unwirklich wirkenden Umgebung irgendwie eine magische Stimmung, die diese „Opfergabe“ definitiv rechtfertigt.

Der nächste Tag startet sehr früh. Um 6 klingelt der Wecker, um 7 wollen wir los. Der erste Kuhhirte treibt seine Tiere bereits durchs karge Niemandsland. Wir rollen zur Grenze. Ab heute gilt das Visum, das heißt, ab heute tickt für uns die Uhr und unser sportlicher 100 km/Tag-Plan will in die Tat umgesetzt werden. An der Georgisch-Aserbaidschanischen Grenze sind alle bei bester Laune. Wir hätten uns das deutlich strenger vorgestellt, doch alle Grenzer sind extrem cool drauf. Ein aserbaidschanischer Grenzsoldat nimmt sich sogar die Zeit, uns noch ein paar Worte in Landessprache in unser Heft zu schreiben. Großartig! Salam Aserbaidschan! Hinter der Grenze beginnt unvermittelt der Orient. Basare auf der Straße, Schwarzgeldtauscher, die mit dicken Geldbündeln winkend auf die nächsten ahnungslosen Touristenopfer lauern, unfassbar viele Menschen auf der Straße. Es wird gehupt, es wird gewunken. Andauernd ruft es aus den Autos „Welcome to Aserbaidschan“. Die Leute rasten völlig aus. Was für ein Empfang!

Wir kommen gut voran, schaffen es tatsächlich, dass zum Mittag bereits 60 km auf der Uhr stehen und wir uns eine kleine Pause zur größten Tageshitze gönnen können. Schnell stellen wir fest: In Aserbaidschan bist du nie allein! Das ist echt krass. Kaum ist Aileen in irgendeinem Minimarket verschwunden, bin ich für gewöhnlich umringt von 10-20 Menschen, ausnahmslos Männern, manchmal auch Kindern. Frauen sind bis kurz vor Baku faktisch kaum Bestandteil des öffentlichen Lebens und haben sich daheim um Haus und Kinder zu kümmern. Inzwischen ist mein Russisch so „gut“, dass ich auf „Woher?“ und „Wohin?“ mit der Nennung der entsprechenden Orte gut antworten und damit schon fast ein richtiges Gespräch führen kann. Alle inspizieren genauestens die Fahrräder, bestaunen die breiten Reifen, prüfen fachmännisch mittels Fingerpressung den Luftdruck und erkundigen sich über die Funktion unseres Tachos. Wir zeigen meist die bisher gefahrenen Gesamtkilometer und ernten große Anerkennung. Schließlich müssen noch Fotos gemacht werden. Unsere Vehikel sind erstaunlicherweise fürs Foto nicht mehr so interessant. Viel wichtiger ist es scheinbar, den im Vergleich blassen, blonden, helläugigen und sehr verschwitzten Westeuropäer neben sich stehen zu haben. Auf jeden Fall eine Situation, an die wir uns noch gewöhnen müssen. Wir dachten ja, dass erst in Indien das Interesse der Leute so groß wird. Weit gefehlt.

Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Leute kennt in diesem Zusammenhang auch keine Grenzen. In Qazax, dem ersten größeren Ort nach der Georgischen Grenze werde ich nach einiger Zeit vor einem Shop im feinsten britischen Englisch von einem jungen Mann angesprochen. Es stellt sich heraus, dass er einige Zeit in England studiert hat und inzwischen hier einen kleinen Supermarkt führt. Er steht uns Rede und Antwort für all unsere anfänglichen Fragen, spendiert uns ein Eis und hilft uns schließlich noch bei der Beschaffung einer Simkarte. Supercool! Auch werden wir bei eigentlich jedem Stopp zum Tee und/ oder Essen eingeladen. Aserbaidschan hat jedoch in Sachen Hygiene keinen wirklich guten Ruf, weshalb wir meist ablehnen. Nicht nur die Hygiene, auch unsere 100 km/Tag sind Schuld daran, dass wir viele Einladungen ablehnen müssen. Wir ärgern uns und fragen uns, wie das andere machen. Uns geht das alles zu schnell und wir merken, wie wir an Land und Leuten mehr vorbeifahren, als diese kennenzulernen.

 

Andererseits müssen wir auch nochmal hervorheben, dass wir die ersten hundert Kilometer auf der Hauptverbindungsstraße durchs Land rollen, welche wenig später zur Autobahn wird. Langsam fahren lohnt sich da also auch nicht. Wir fahren dicht hintereinander im Windschatten des jeweils anderen. Alle 10 km ist Wechsel. So schaffen wir einen für unsere Verhältnisse brutal hohen Tagesdurchschnitt von 18-20 km/h.

Bereits am ersten Tag fällt uns auf, dass überall Relikte von Olympia zu sehen sind. Dabei fahren wir eigentlich durch eine aus unserer Sicht eher abgeschiedene Region. Dennoch stehen in vielen Kleinstädten teilweise gigantische Sportareale in der Landschaft herum. Ihrem Aussehen nach zu urteilen muss hier irgendwann in den 90ern Olympia stattgefunden haben. Umso entsetzter sind wir, als wir mitbekommen, dass erst 2015 Olympia in Aserbaidschan war. Wir sind schockiert. Riesige Sportparks mitten im „Nirgendwo“. Die Sportanlagen selbst werden zwar teilweise noch genutzt, die ganzen dazugehörigen Gebäude stehen aber mit wenigen Ausnahmen leer und bleichen in der Sonne vor sich hin. Aserbaidschan hat 2015 scheinbar ordentlich auf die Kacke gehauen und an Repräsentationsbauten nicht gespart. Zudem ist jeder zweite repräsentative Ort nach dem ehemaligen Präsidenten Heydar Aliyev benannt. Und damit niemand vergisst, wie er aussieht, hängt sein Bild überall auf großen Werbeplakaten. Häufig auch gleich noch als Statue. Interessanterweise wird das Bild des Ex-Präsidenten (seit 2003 außer Dienst) und nicht das des amtierenden Präsidenten (Heydars Sohn Ilham Aliyev) gezeigt. Uns ist dieser Personenkult jedenfalls etwas suspekt. Auch suspekt ist uns in diesem Zusammenhang, wie viel Geld hier im Repräsentationsbauten investiert wurde, obwohl es hier am Nötigsten fehlt. Die Trinkwasserversorgung ist mangelhaft und eine Müllentsorgung existiert nicht. Wasser ist zwar grundsätzlich da, sobald wir aber irgendwo mal einen Wasserhahn aufdrehen, kommt aus dem Nichts einer angeflitzt um uns zu warnen, dass wir das Wasser bloß nicht trinken sollen. Und der Müll .. der liegt halt einfach rum. Gesammelt wird er manchmal an Minimarkets in mittelgroßen Pappkisten. Die verbrennen wenigstens gleich mit. Den Müll zu verbrennen halten wir zwar auch nicht für korrekt, aber immer noch besser, als wenn er einfach durch die Pampa fliegt.

Aserbaidschan versucht seine Hauptmagistrale offenbar immer im besten Glanz erstrahlen zu lassen. Häufig sehen wir Leute die Müll aufsammeln und in weißen Tüten davontragen. Ein Funke Hoffnung, der aber schnell verglüht. Der sorgfältig gesammelte Müll wird nämlich keine 20m neben der Autobahn einfach wieder ins Gebüsch gekippt. Beobachten wir nicht nur einmal. Sinnlos! Auch lustig ist, dass offenbar wenig ansehnliche Orte vor dem neugierigen Auge des Besuchers mittels Sichtschutzwänden versteckt werden. Von der Straße sehen diese Wände richtig hübsch und teilweise sehr massiv aus. Guckt man sich das genauer an, handelt es sich nur um Sperrholz- oder Pappwände, die von hinten mit ein paar Latten vom Umfallen abgehalten werden. So eine Pappwand ist halt billiger, als eine Ortssanierung…

Sechs Tage auf Schnellstraße und Autobahn verliefen überraschend reibungslos. Wenn man einmal damit klar kommt, dass wirklich jedes Auto zum Gruße hupt (und das nicht nur einmal, gern auch mal 30 Sekunden Dauerhupe), lässt es sich sehr gut fahren. Im Gegensatz zu Georgien sind die Aserbaidschaner uns gegenüber sehr rücksichtsvoll. Nur sehr sehr selten wird knapp überholt. Alle Autos halten einen angenehm großen Abstand, sodass uns der 50 cm Randstreifen  (der Standstreifen ist leider unbefestigt) zum Fahren vollkommen ausreicht. Diese Hauptmagistrale quer durchs Land ist auch gleichzeitig Hauptroute für Warentransporte aller Art. Wir lernen folgende Dinge:

  1. Ein Auto ist erst dann voll, wenn es auf dem Boden schleift, oder die auf dem Dach geladenen Waren nach vorn und hinten so weit überstehen, dass diese auf dem Boden schleifen.
  2. Ein alter Wolga kann mehr als doppelt so viel Waren transportieren, als ein Kleintransporter.
  3. Ladungssicherung wird völlig überbewertet
  4. Wenn die Durchfahrtshöhe unter den Brücken 6m beträgt, kann man seinen Laster auch bis auf dieses Maß vollkrachen.

Insbesondere Melonen wurden auf beachtliche Weise in die Wolgas und Ladas gestapelt, bis wirklich nur noch der Fahrer mit nach vorn stehender Rückenlehne Platz hatte. Mit weißen Tüten wurde nochmal die gleiche Menge an Melonen auf den Kofferraum und aufs Dach gebunden. Absolut unfassbar!

Wir mussten sehr oft lachen! Leider hatten wir nur selten die Kamera im richten Moment zur Hand, doch ein paar schöne Beispiele haben wir erwischt:

Melonen gibt es hier übrigens ohne Ende. Uns ist zwar bis zuletzt nicht klar, wo die hier eigentlich in dieser knochentrockenen Einöde wachsen, doch jeder kleiner und größere Ort ist gesäumt von Melonenständen. Auf den ersten 200-300 km bis irgendwo hinter Gäncä war die Landschaft noch halbwegs grün, aber auch schon sehr trocken. Flussbetten sehen aus wie Canyons. Kein Wasser. Stattdessen durchziehen ab und an kleine Wasserkanälchen die Landschaft. Das ist schon wirklich komisch. Du fährst stundenlang durch knochentrockenes Steppenland, willst mal zum Austreten hinter den Busch gehen und stehst plötzlich knöcheltief im Wasser. Doch je weiter wir gen Osten kommen, umso karger und wüstenartiger wird das Land. Flach, ewig weite Sicht. Die Straße verläuft schnurgerade. Bis zum Horizont. Sehr eindrucksvoll. Dazu die sengende Hitze. Jeden Tag 30 Grad bereits morgens um 7 beim Start, weit über 40 zur Mittagszeit und bis spät in den Abend immer noch deutlich über 35 Grad. Die Luft ist so trocken wie das Land. Wir verbrauchen unfassbar viel Wasser. Einen Vorteil hat die Trockenheit dennoch: Wir können ohne große Trocknungsprozedur jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufstehen unsere Hütte sofort einpacken. Das spart ordentlich Zeit.

Doch Zelten an sich stellte sich etwas problematisch dar. Da wirklich überall Menschen sind, taten wir uns anfangs echt schwer, mit der Schlafplatzsuche. Für die erste Nacht fragten wir bei zwei Hotels, ob wir irgendwo auf deren Grundstück zelten dürfen – zu gefährlich! Wegen der Hunde. Am Ende stellen wir uns in einen Biergarten, Vis-A-Vis zum Hunderudel. Blödes Hotelgequatsche… Eine weitere Nacht verbringen wir hinter einer Autowerkstatt, bei der das Altöl einfach in den „Garten“ gekippt wird. Auch nicht schön, aber alternativlos. Danach wurde es aber besser, da die Landschaft dünner besiedelt war und sich zunehmend gute Möglichkeiten fanden. Auf der gesamten Strecke von Tbilisi bis Baku gab es bestimmt auch 3 oder 4 Motels. Nicht unbedingt üppig auf die Distanz. Leider war jedoch nie eins da, wo wir abends ankamen. Brauchen wir auch nicht – wir haben ja unser eigenes Heim 🙂

Der genialste Schlafplatz befand sich hinter dem Qobustan-Nationalpark. Absolute Mondlandschaft. Ein großes Nichts, eingefasst von Bergen. Wir kommen uns sehr sehr klein vor. Wieder ein sehr magischer Ort. Mit offenem Mund laufen wir erstmal stundenlang umher, bevor wir unser Zelt aufstellen. Zu sehen gibt es eigentlich nichts, doch das ist irgendwie gerade das Faszinierende daran.

Der Qobustan-Nationalpark ist das erste touristische Highlight, was wir uns seit Tagen gönnen. 2007 wurde er zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Über 6000 uralte Felszeichnungen gibt es im gesamten Areal, von denen einige hundert der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Dazu hat man noch ein schmuckes Besucherzentrum gebaut, welches bspw. dem Leipziger Grassimuseum in nichts nachsteht. Neben den Petroglyphen gibt es in dieser Gegend eine ganze Reihe Schlammvulkane. Einer der blubbernden Krater war sogar in Sichtweite vom Zelt aus (unendliche Weite und so .. also es waren bestimmt noch 2 oder 3 km). Einige dieser Vulkane kann man sogar besteigen, doch das klemmen wir uns. 4 Stunden im Nationalpark reichen uns, denn wir wollen nach Baku!

Es erinnert uns ein bisschen an Batumi, nur ist es erheblich größer! Die Metropole am Kaspischen Meer ist wahrlich gigantisch, erstickt aber zu unserer Ankunft leider auch in seinem eigenen Dunst. So bleibt uns kaum Fernsicht beim Willkommen-in-Baku-Foto. Der Verkehr hat in unfassbarem Maße zugenommen. Und doch weiß die Stadt zu beeindrucken. Sehr sauber, viel Polizei und noch mehr Kameraüberwachung sind die ersten Dinge die uns auffallen. Dazu Hochhäuser, viele Hochhäuser. Im kleinen „Venedig“ an der Küste, werden Touristen mit Booten durchs Chlorwasser einmal im Kreis um das Restaurant manövriert. Viele schön bepflanzte Beete. Und überhaupt: Viel Grün! Was uns auch sofort auffällt: Hier gibt es Frauen. Frauen nehmen hier am öffentlichen Leben teil, ganz anders, als im restlichen Land bisher. Aber Baku ist auch nicht Aserbaidschan. Das haben wir schon von Vielen gehört…

Unsere eigentlich gebuchte Unterkunft ist mal wieder eine Booking-Ente und so müssen wir spontan nach einer neuen Unterkunft suchen. Wir landen im Cheeky Carabao Backpackers Hostel, wo wir tatsächlich noch ein Doppelzimmer buchen konnten. Vor Ort stellt sich heraus, dass das Hostel erst 2 Tage zuvor eröffnet hat. Maryam und Jordan schmeißen den Laden. Zak kocht abends leckerste Speisen aus seinem Heimatland Indien. Es herrscht eine super Atmosphäre. Aufbruchstimmung. Alle haben ganz viele Ideen und setzen diese auch umgehend in die Tat um. Wir verstehen uns blendend und ich fühle mich an alte WG-Zeiten erinnert 😉 Maryam nimmt uns einen Abend lang sogar mit auf eine Sightseeing-Tour. Sie führt uns zu einer genial gelegenen Aussichtsplattform, von der man über die gesamte Stadt bei Nacht blicken kann. Wirklich großartig! Baku weiß auf jeden Fall zu beeindrucken. Viele riesige Gebäude (wobei viele auch einfach nur hübsch aussehen, jedoch zum Großteil leer stehen), gigantische Magistralen, alles beleuchtet, schick angezogene Menschen die bis spät in die Nacht durch die Innenstadt flanieren und nicht zu vergessen: sagenhaft günstige Bustickets. 1x quer durch die Stadt, eine Einzelfahrt quasi, kostet umgerechnet 10 ct. Bei den Preisen steigen die Leute natürlich gerne in den Bus. Könnte sich die heimische Subventionspolitik gern mal ein Beispiel daran nehmen…

Und zu guter Letzt hatten wir in Baku auch noch einiges zu tun. Fahrradkisten mussten besorgt, die Räder verpackt und der Flug vorbereitet werden. Hat alles in allem 1,5 Tage gedauert, doch inzwischen sind wir in Dushanbe angekommen, die Räder rollen wieder und das Gepäck ist vollständig und unbeschadet mit uns gelandet.

Jetzt geht es also ins Pamir-Gebirge. Wir sind schon sehr gespannt und aufgeregt. Während unseres Fluges konnten wir mehr oder weniger alles bereits aus der Luft begutachten, denn wir hatten einen Zwischenstopp in Almaty und sind dadurch einmal von Nord nach Süd über Kirgistan und Tadschikistan geflogen. Sogar den Pik Lenin haben wir entdeckt.

Bereits hier in der Hauptstadt Tadschikistans ist das Internet schon äußerst bescheiden. Wir gehen also nicht davon aus, dass wir uns hier in den nächsten Wochen nochmal zu einem Zwischenbericht melden werden. Simkarte haben wir zwar gekauft, aber nur weil da was von 4G im Display steht, heißt das noch lange nicht, dass das Internet auch tatsächlich funktioniert. Ist eigentlich auch gar nicht so schlimm 😉 Ihr werdet schon bald mal wieder von uns hören…

Lasst’s euch gut gehen!

Eure Losgefahrenen

 

… und hier nochmal alle Bilder zum Durchklicken am Stück:

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7 Kommentare zu „Km 5727 – vom Hohen Kaukasus in die Wüste Aserbaidschans

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  1. Seid lieb gegrüßt Ihr Reiseradler und Weltenbummler. Was für ein toller Bericht von Euch! Vielen Dank dafür! Ihr seid ja nun schon sehr weit voran gekommen und habt ja schon wieder soviel erlebt und beeindruckende Begegnungen gehabt. Welch ein grosses Abenteuer. Passt weiter gut auf Euch auf und bleibt gesund. Unsere Gedanken und Herzen sind bei Euch. Dir lieber Lars noch alles Gutel und viel Gesundheit, viel Kraft in den Oberschenkeln, gemütliche und sichere Abfahrten und keine Pannen mehr. Glück auf den Weg! Anke und Lutz

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  2. Hallo Ihr Zwei!
    Unseren allerherzlichsten Glückwunsch für Lars zu seinem Geburtstag. Vor allem weiterhin alles Gute für Euer Vorhaben und beste Gsundheit. Voller Freude habe ich, Oma, den neuen Bericht heute Morgen entdeckt und sofort mit großer Spannung gelesen. Ich kann es immer noch nicht begreifen, dass Ihr Euch solchen Strapazen aussetzt. Die Belohnung dafür sind aber für Euch die unvergesslichen Begegnungen und Eindrücke, die Ihr mit nach Hause bringt. Lars, deine Berichte sind außerordentlich super interresant und mitfühlend geschildert und beschrieben,wir danken Dir dafür. Wir wünschen Euch von Herzen weiterhin alles Gute und hoffen auf ein gesundes Wiedersehen. In Liebe Opa und Oma aus Beeskow.

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    1. Vielen lieben Dank euch allen! Uns geht es sehr gut. Die ersten vergleichsweise flachen Berge liegen hinter uns – wir befinden uns noch auf der Zufahrt zum eigentlichen Pamirhighway. Die Leute sind alle sehr nett – aber etwas weniger forsch als im Vorgängerland. Sehr angenehm. Wir freuen uns auf jeden Fall, wenn euch unsere Berichte gefallen und wir geben uns auch Mühe, euch unsere Eindrücke möglichst gut zu vermitteln. Lasst es euch gut gehen und bis ganz bald!

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  3. Hallöchen Ihr zwei,

    Eure Berichte sind suppppi. Für uns ist Georgien und Umgebung bekannt, da wir eine Reise dorthin zu DDR Zeiten unternommen haben. Die Leute sind klasse und sehr gastfreundlich, was Ihr auch bestätigt. Eure Berichte sind sehr lustig und informativ. Bleibt gesund und munter. Lasst es Euch gut gehen.
    liebe Grüße von den Beer`s.

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  4. Hallo ihr zwei Abgefahrenen,
    tolle Fotos und Reiseberichte – richtige kleine Bestseller, immer interessant zu lesen.
    Lars, dir noch alles Gute zum Geburtstag und Euch weiterhin viel Kraft, Ausdauer und bleibt gesund.
    Grüße aus Dresden von Michi

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  5. Hallo Ihr Zwei,
    wieder einmal ein toller Bericht, der schon fast wieder ein Buch werden könnte. 🙂
    Das sind ja teilweise Extreme bei Wetter und Landschaft, die Ihr durchlebt.
    Viel Spaß noch auf dem weiteren Weg!
    Auch wenn es jetzt auch schon ein paar Tage her ist, nachträglich noch alles Gute zum Geburtstag Lars.
    Viel Glück, Gesundheit und noch viele Abenteuer auf Eurer Tour.
    Viele Grüße
    Rainer

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  6. Liebe Aileen! Alles erdenklich Gute für Dich zum Geburtstag, behalte Deinen Optimismus und Tatkraft für das weitere Gelingen Eures gemeinsamen Abenteuers. Bleib schön gesund. Dir Lars, Danke für die Antwort auf unseren
    letzten Kommemtar, schön zu wissen, dass es Euch gut geht. Liebe Grüsse, Opa Günter und Oma Christa.

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