Km 8240 – улица закрыта! Straße gesperrt!

Ihr Lieben,

wir sind spät dran. Eigentlich schon zu spät, doch das wollen wir uns zum Zeitpunkt des Aufbruches in Osh noch nicht so recht eingestehen. Wir verlassen die Stadt mit gemischten Gefühlen. Einerseits freuen wir uns auf Kirgistan – das Land, von dem wir bisher nur einen kleinen, dafür aber sehr schönen Teil gesehen haben. Andererseits sitzt uns so langsam die Zeit im Nacken. Noch reichlich 3 Wochen verbleiben für die gut 1200 km bis Almaty und wir wollen noch durchs bergige Landesinnere. Wenngleich die Jurtenzeit nun offenbar schon vorüber ist, so erhoffen wir uns zumindest nochmal eine schöne Zeit in der absoluten Abgeschiedenheit des Hinterlandes. Uns stellen sich allerdings noch mehrere 3000m-Pässe und miserable Wetteraussichten entgegen. Was aus unseren Plänen schließlich geworden ist, lest ihr hier:

In Zentralasien kommt kein Radler weg. Das liegt weniger daran, weil uns der KGB die ganze Zeit verfolgt – den Eindruck konnten wir noch nicht gewinnen. Vielmehr gibt es einfach nur wenige Routen die für den normalen Fernradler interessant bzw. überhaupt fahrbar sind. Es gibt generell nur sehr wenige Straßen hier in Kirgistan. Will man aus Osh in die Berge des Landesinneren, muss man zunächst nach Jalal-Abad. Beide Städte liegen keine 50 km voneinander entfernt. Die Grenzen wurden nach dem Niedergang der Sowjetunion jedoch so unmöglich gezogen, dass man für den direkten Weg ein Visum für Usbekistan in der Tasche haben sollte, andernfalls gondelt man den doppelten Weg über die M41 – außenrum quasi. Wir wählten letztere Option und treffen nach einer reichlichen Tagesetappe Stephane, Antoine und Daniel wieder. Stephane und Antoine haben wir inzwischen in jedem Pausenort seit Qalai-Kumb getroffen, Daniel kam im Tes-Guesthouse in Osh „neu“ dazu. Die Freude über so ein Treffen mit bekannten Gesichtern mitten im Nirgendwo ist immer riesig – gleichwohl, ob man am Abend zuvor noch gemeinsam am Essenstisch gesessen hat. Die drei wollen auf direktem Weg der vielbefahrenen M41 nach Bishkek folgen, während wir vorhaben, in Jalal-Abad in die Berge abzubiegen.

Dem Wetterbericht entnehmen wir Regen und einen Temperaturrückgang für die nächsten paar Tage. Das klingt erstmal schlimm, aber so wirklich schockiert sind wir davon nicht. Kirgistan hat generell feuchteres Klima als der Pamir. Auf dem örtlichen Basar decken uns mit wintertauglichen Schuhen ein. 29€ zahlen wir für 2 Paar. Die sehen zwar identisch aus und haben ein Lila-Innenfutter, dafür sind sie aber warm. Unsere modische Außenwirkung ist so oder so vollkommen in den Hintergrund gerückt. Wenn du nur alle 2 Wochen deine Hose waschen kannst und sie am nächsten Tag direkt wieder aussieht, als hättest du sie schon seit 2 Wochen an, stehst du auch drüber, ob das Futter deiner Schuhe lila oder pink ist. Wen interessiert‘s …? Für umgerechnet 50 ct bekommen wir sogar noch 2 Paar Filzeinlegesohlen. Wir sind gewappnet! Nur die Gesundheit muss noch mitspielen. Wir haben bereits seit einigen Wochen jede Nacht Frost. Zu allem Überfluss hat sich Aileen auch noch die Erkältung unserer Gastgeberin in Osh angeeignet. Wir machen langsam. Mehr als 50 km wollen wir eh nicht pro Tag zurücklegen. Das hat sich im Pamir bewährt und ist inzwischen unsere Planungsgrundlage geworden.

Wir verlassen Jalal-Abad Richtung Nordosten und fahren ein langes und weites Tal ganz allmählich von 700 auf 1300 m hoch. Diese Region hier ist ein Ausläufer des Fergana-Tals. Großzügige Acker- und Weideflächen begleiten uns. Es ist auffällig grün, sind unsere Augen inzwischen doch eher braunes, karges Land gewöhnt. Die Felder sind abgeerntet. Pferde und Kühe grasen auf den Stoppelwiesen. Koppeln gibt es wie immer keine. Stattdessen können die Tiere machen was sie wollen. Die Ortschaften werden immer kleiner. Ab und an kommt uns ein Hochzeitskonvoi entgegen. Dafür, dass Kirgistan nicht wirklich ein wohlhabendes Land ist und der Lebensstandard und die Lebensweise der Menschen recht einfach sind, ist die Art, wie hier geheiratet wird, in unseren Augen irgendwie geschmacklos. Es muss mindestens eine komplett vergoldete Mercedes S-Klasse sein, in der das Hochzeitspaar durch die Stadt und übers Land befördert wird. Besser sitzt man jedoch in einer opulenten Limousine von Cadillac oder Hummer. Diese sehen wir weit öfter. Die sind so ordinär lang, dass der Fahrer an jeder zweiten Kreuzung mehrfach rangieren muss, um überhaupt abbiegen zu können. Dem Hochzeitskonvoi fährt stets ein Fahrzeug voraus, wo entweder einer bis zur Hüfte aus dem Beifahrerfenster hängt, oder stattdessen im offenen Kofferraum sitzt. Das Kamerafahrzeug natürlich. Jede Sekunde gilt es in Bewegtbildern festzuhalten. Die Hochzeitsgesellschaft folgt dem Ganzen in dicken, weißen Luxus-Jeeps. Mehrere Stationen werden angefahren. Jedes Mal das Gleiche Prozedere: Aussteigen, Standard-Fotomotiv aufsuchen und hunderte Bilder des Brautpaares machen, während laute Musik aus den offenen Türen der Limousine plärrt. Es ist Herbst. Tagsüber 10 Grad und kühler Wind. Bevor die Braut beim Fotos-knipsen komplett blau anläuft, wird das Brautpaar schnell wieder verladen und zum nächsten Fotomotiv gekarrt. So ein Konvoi besteht dabei gut und gerne aus 10-15 Fahrzeugen, die sich auf der Landstraße dann mit lauter amerikanischer Polizeisirene durch den Normalverkehr drängeln. Ein Leben auf der Überholspur – zumindest für einen Tag. Dafür verschlingt diese Art zu heiraten womöglich auch das gesamte Familienvermögen. Allein eine Stunde in der Limousine kostet ein Vielfaches einer durchschnittlichen Monatsmiete in Osh, wie wir einige Tage später erfahren…

Je mehr wir uns von Jalal-Abad entfernen, umso eindringlicher halten uns die Leute am Wegesrand die Arme über Kreuz entgegen und rufen „улица закрыта – Ulitsa sakruita“ – Straße gesperrt! Vor uns liegt der 3000m hohe Kaldamo-Pass. Wir wollen ins dahinterliegende Kazarman. Es hat die letzten Tage sehr viel geregnet und in den Bergen entsprechend geschneit. Die Schneefallgrenze ist schon deutlich gesunken und alle Berge über 2000 m haben bereits weiße Mützen auf. Zum ersten Mal wird uns so richtig bewusst, dass der Pass womöglich tatsächlich bereits dicht sein könnte. Hätten wir den Wetterbericht doch etwas ernster nehmen sollen? Ein Reiter kommt uns entgegen und berichtet von 1,5 m Schneehöhe. Unsicherheit macht sich breit. Doch dann kommt Helmut! Sein Leipziger Singsang macht ihn sofort sympathisch und … er hat es über den Pass geschafft. Allerdings hat er mehrere Tage in Kazarman warten müssen, bis die Straße „befahrbar“ wurde und er sich durch den Schneematsch meist schiebend über den Pass quälen konnte. Gut 100 km seien es bis Kazerman. 100 km die man auch nicht mal eben so in 2 Tagen runterstrampelt. Hoffen wir einfach, dass der angesagte Regen nicht so schlimm ausfällt. Sobald es wieder regnet, wird der Pass auch ruckzuck wieder dicht sein. Viel Zeit, um ein paar Tage auszuharren, haben wir nicht mehr. Gibt eben so ein Drei-Wochen-Urlaub nicht her.

Wir durchfahren einen kleinen Canyon. Massenhaft Pferde queren die Straße. Ohne Weidezaun, ohne Hirte. Sie warten am Wegesrand, bis ein Fahrzeug ankommt, um dann in aller Seelenruhe direkt vor dem Fahrzeug auf die Straße zu laufen. Dieses irgendwie unterhaltsam symphytische Verhalten haben sie sich sicher von den Kühen hier abgeschaut. Die kümmern sich auch nicht um den Verkehr und latschen jedem vor die Karre. Wir fahren noch ein paar km den Berg hoch und landen schließlich im Garten eines netten Typen Anfang 40, der uns unten im Tal noch zu sich eingeladen hat und sichtlich begeistert ist, dass wir seiner Einladung auch tatsächlich gefolgt sind. Da wir den Bogen der Gastfreundschaft von uns aus nicht überspannen wollen, entscheiden wir, dass wir in seinem Garten zelten möchten. Zelten mögen wir eh mehr. Dass es den ganzen nächsten Tag stark regnen soll, ist uns bewusst und so suchen wir vorsorglich im mit Gräben durchzogenen Grundstück die höchste Stelle. Wir spannen auch gleich noch unseren alten Zeltboden, den wir als Reserveunterlage für alles Mögliche dabeihaben, über einen der Zelteingänge. Jetzt sind wir wetterfest. Unser Gastgeber war wohl früher ganz großer Kampfsportmeister. Aus der Kalten macht er mal eben einen Spagat und stellt sich damit als die kirgisische Version von „Jackie Chan“ vor.

Jackie Chans Domizil wird für 2 Nächte nun auch zu unserem. Starker Regen setzt während der ersten Nacht ein. Es regnet den gesamten nächsten Tag durch. Um die 5-7 Grad sind es vielleicht. Beinahe das gesamte Grundstück steht unter Wasser und unsere akribische Standortsuche für unser Zelt zahlt sich umgehend aus. Weiterfahren sinnlos. Regen auf 1400 m bedeutet Schnee auf 2000 m, was wiederum „ulitsa sakruita“ auf 3000 m bedeutet. Ein Zwangspausentag, der uns jedoch einen interessanten Einblick in das kirgisische Leben hier gewährt. In dieser Region Kirgistans gibt es die weltweit größten Walnusswälder. Die Menschen können entweder Teile davon pachten oder gar kaufen. Jackie Chan nennt auch einen Teil des Waldes sein Eigen. Glücklicherweise ist zurzeit Ernte und so können wir direkt nach dem Frühstück bei der Walnussauslese mithelfen. Anschließend geht es mit dem Auto zu Jackie Chans Wald. Und so verbringen wir den gesamten Regentag dann doch irgendwie komplett draußen. Nässe und Kälte kriechen langsam aber sicher in unsere Knochen. Wärme gibt es erst am Abend in Jackie Chans Haus. Es ist schon reichlich Schnee in diesem Jahr gefallen. So viel, dass ein großer Baum neben dem Haus die Stromzufuhr zum Haus gekappt hat. Sprich: Das Haus hat keinen Strom. Wasser gibt es auch nicht. Mal abgesehen vom Regen. Trinkwasser wird, wie für uns inzwischen irgendwie völlig normal, in großen Kanistern mit dem Auto irgendwo hergeholt. Einen Trinkwasseranschluss im Grundstück hat hier keiner. Am Abend versammelt sich die gesamte Familie im Essbereich des Hauses. Alle sitzen gemeinsam mit Oma, Frau, Tochter, sowie Bruder und Schwägerin auf dem weichen Teppich um eine Tischdecke herum, auf der das Essen platziert wird. Es gibt eine leckere Bratkartoffelpfanne, frische Tomaten und Zwiebeln, außerdem Brot, hausgemachte Butter und Marmelade. In der Ecke feuert sich ein kleiner Ofen die Seele aus dem Leib und strahlt dabei wohltuende Wärme ab. Einzige Lichtquelle ist eine kleine Kerze. Schon irgendwie sehr gemütlich.

Die zweite Nacht war noch kälter als die erste. Wir zelten hier eigentlich nur auf gut 1400 m. Am Morgen ist aber erstmal alles weiß. Nicht so weiß, dass man den Neuschnee in Zentimetern beziffern könnte, aber für uns ein eindeutiges Signal, dass es weiter oben definitiv nicht weniger weiß und die „Ulitsa“ wohl immer noch „sakruita“ sein wird. Verdammt. Noch eine Nacht bei Jackie Chan warten? Der Wetterbericht entscheidet… „Noch mindestens 3 Tage soll das Wetter so bleiben“ – verkünde ich enttäuscht beim Blick auf das Handy. Die Leute aus dem Dorf berichten, dass es nach dem letzten Regen- bzw. Schneetag noch mindestens 1-2 Tage dauert, bis es das erste Räumfahrzeug über den Pass geschafft hat. Mehrere Meter Schnee sind völlig normal und decken sich auch mit Helmuts Schilderungen zu den Schneehöhen am Wegesrand. So viel Zeit haben wir nicht mehr. Verdammt! Zumal mit einer derartigen Situation bei allen darauffolgenden Pässen zu rechnen ist. Wir brauchen mehr Zeit! Schweren Herzens kippen wir unsere Pläne. Das Herz Kirgistan öffnet sich nicht nochmal für uns. Wir fahren enttäuscht zurück nach Jalal-Abad und überlegen neu.

Zurück in Jalal-Abad treffen wir auf Mikel, mal wieder ein Radler aus dem Baskenland. Die Basken fahren offenbar sehr gern Rad, Restspanien offenbar nicht. Spontan teilen wir uns mit ihm ein Zimmer in einem netten Homestay. Er hat deutlich mehr Zeit im Gepäck und will den Weg probieren, an dem wir schon viel zu früh gescheitert sind. Wir suchen stattdessen eine Mitfahrgelegenheit nach Bishkek – unsere einzige noch realistische Option. Es gäbe noch einen zweiten Weg durch die Berge, doch nach dem schmuddeligen Regentag hat es mich nun zum ersten Mal auf dieser Reise auch erwischt. Die Nase läuft, der Hals schmerzt. Wir suchen am zentralen Basar einen völlig überfüllten Parkplatz auf, der sich schließlich als Haupt-Taxi-Platz entpuppt. Hätten wir ohne Hinweise nie als solchen erkannt. Nach einiger Fragerei und einer weiteren Stunde Rumstehen im Regen haben wir schließlich eine „Buchung“ getätigt. Am nächsten Morgen soll uns einer am Homestay abholen. Per Handschlag vereinbart, Handynummern ausgetauscht, das wars. Na, ob das was wird? Tatsächlich ist unser Fahrer zuverlässig. Die Räder werden auf‘s Dach gebunden, die Taschen verladen und auf geht die Fahrt.

Die Kirgisen sind Meister der Nötigung im Straßenverkehr. Es ist einfach unfassbar! Es wird sich einfach Platz gemacht, bei hohem Tempo bis auf wenige Zentimeter aufgefahren, gehupt, aufgeblendet und nur mit zwei Finger breit Abstand überholt. Und überholt wird auf jeden Fall immer. Gegenverkehr, fehlende Sicht, nichts hindert den kirgisischen Fahrer am Überholen. Dabei wurde die Fahrweise unseres Taxifahrers immer rabiater, je näher wir der Hauptstadt Bishkek kamen. Zum Glück hatte die Karre Sicherheitsgurte. Die Bremsen klangen hingegen nicht mehr so gut, funktionierten aber noch. Vollgas und Vollbremsung – durch die eher binäre Fahrweise wurden auch gleich anderthalb Tankfüllungen für die 500 km verbraten.

Auch mit der M41, fahren wir über zwei Pässe mit knapp mehr als 3000 m Höhe. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass hier bedeutend weniger Schnee gefallen ist. Anderer Landesteil – anderes Wetter. Die Schneefallgrenze liegt hier erst bei 2800 m .. Wir holen am ersten der beiden Pässe Antoine, Daniel und Stephane ein und versorgen sie umgehend mit Süßigkeiten. Wie gesagt – hier kommt keiner so schnell weg… Jetzt können wir auch mal das Versorgungsfahrzeug sein, wenngleich wir uns äußerst schlecht fühlen, weil wir hier mit dem Auto hochfahren, während sie ordentlich schwitzen müssen.

Die Abfahrt vom zweiten Pass ist das Spektakulärste der gesamten Fahrt. Nicht nur landschaftlich – steile Felswände links und rechts, tiefe Talblicke und eine Serpentinenstraße, die mühevoll in eine kaum weniger steile Wand eingearbeitet wurde – Nein.. Unser Taxifahrer hat sich dafür entschieden, sich eine Art Rennen mit einem Tanklastzug zu liefern. Russisch Roulett. Der Tanklaster donnert die steile kurvige Straße runter, als wäre er ein tiefergelegter Kleinwagen, überholt in den Kurven und zwingt nicht nur einmal den Gegenverkehr zur Vollbremsung. Unser Taxifahrer macht es ihm gleich und muss schließlich auch noch unbedingt diesen dämlichen Tanklaster überholen. Verkrampft krallen unsere schwitzigen Hände nach irgendwas Stabilem in der Karre. Den Fahrer amüsiert das offenbar und er drückt noch ein bisschen mehr auf‘s Gas. Die fahren hier Auto, als wäre es ein Computerspiel. Unser Fahrer hat eine Frau und drei Kinder, sowie zwei Fahrgäste, die während der gesamten Fahrt um ihr Leben bangen – aber das blendet er beim Fahren offenbar aus. Gute zehn Stunden nach unserem Aufbruch in Jalal-Abad erreichen wir – froh noch am Leben zu sein – Bishkek. Was für ein Ritt!

Ein Tag reicht uns für Bishkek. Eigentlich wollten wir ja hier überhaupt nicht her, aber wenn wir schonmal da sind, können wir uns die Stadt auch nochmal im Schnelldurchgang anschauen. Auch treffen wir Arne wieder. Er ist noch vor dem Schnee über die Berge gekommen, hat eine große Runde um den Issyk-Kul gedreht und ist seit wenigen Tagen in Bishkek. Er versorgt uns mit nützlichen Streckeninfos, bevor wir schließlich gen Osten aufbrechen. Unser neuer Plan soll uns zum flächenmäßig zweitgrößten Gebirgssee der Welt – dem Issyk-Kul führen. Nordöstlich des Sees soll es noch einen kleinen Grenzübergang nach Kasachstan geben. Ob der jedoch noch geöffnet ist, wissen wir nicht. Erstmal losfahren…

Wir sind beide immer noch nicht fit und belassen es bei unseren 50 km pro Tag. Auf der Straße ist viel los, doch der Ausblick links und rechts der Straße entschädigt. Auf beiden Seiten der Straße grenzen gewaltige Bergketten das Tal ein, wobei auf einem Großteil der Gipfel Schnee liegt. Das Tal weist sonst keine nennenswerten Erhebungen auf sodass die Berge wirken, als hätte sie einer einfach aufs flache Land gestellt. Spektakulär! Jeden Abend finden wir geniale Zeltplätze mit grandiosem Panorama und sogar guter Wasserversorgung. Klimatisch ist es hier nördlich des Tien-Shan-Gebirges nochmal deutlich kälter als in der Region Osh/ Jalal-Abad. Sobald die Sonne untergeht, sinkt die Temperatur rasch unter 0 Grad und das, obwohl am Tag in der Sonne noch gut 20 Grad waren. Kontinentales Klima begleitet uns zwar nun schon eine ganze Weile, aber hier bekommen wir es immer deutlicher zu spüren.

Am vierten Tag nach unserer Abreise in Bishkek erreichen wir schließlich den Issyk-Kul-See. „Endlich weg von der großen Hauptstraße“ denken wir, als wir auf die Südroute abbiegen, doch prompt überholt fast jedes zweite Auto derart dicht, dass wir mehr in den Rückspiegel als in die Landschaft schauen. Präventiv verlassen wir fortan bei fast jedem Fahrzeug die Fahrbahn und weichen in den Schotter aus. Das nervt unheimlich und schlägt uns ganz schön aufs Gemüt.

Es ist Herbst und zwar richtig. Der Übergang von Spätsommer zu Herbst erfolgte tatsächlich in den 3-4 Tagen von Bishkek bis zum See. Inzwischen sind alle Blätter gelb. Die Sonne scheint und lässt die unzähligen Pferde auf den abgemähten Wiesen und Feldern im besten Licht dastehen. Diese Pferdeherden sind wirklich sehr beeindruckend. Nicht nur einmal werden wir an unseren Zeltplätzen von Pferden besucht oder können den Tieren unweit unseres Zeltplatzes beim Trinken und baden zuschauen. Wirklich schön, welche Freiheit diese Tiere hier zu haben scheinen – jetzt mal abgesehen davon, dass diese Herden ganz sicher irgendwem gehören, denn so ein Pferd ist so ziemlich das Wertvollste, was man hier auf dem Land besitzen kann.

Auf der Südroute gibt es tatsächlich nochmal einen Pass. Nachdem wir die erste Nacht unmittelbar am Ufer des Sees verbracht haben, stellen wir unsere Hütte in der nächsten Nacht in knochentrockenes steppenartiges Hügelland. Zum ersten Mal auf dieser Reise – und damit viel zu spät – lassen wir den Abend bei einem Lagerfeuer ausklingen. Über uns die Milchstraße. Keiner kümmert sich um uns und wir können machen was wir wollen. Wir lieben diese Freiheit! Man verzichtet hier in Zentralasien zwar auf allerlei Konsumluxus, wird dafür jedoch mit einer Freiheit belohnt, die man im reichen Westen lange suchen kann. Womöglich gefällt es uns deshalb hier auch so gut.

Da bei meiner Erkältung leider keine nennenswerte Verbesserung erkennbar ist, suchen wir für die nächste Nacht am See eine feste Unterkunft auf. Orte gibt es auf der Südroute nicht unbedingt viele. Verlassene und halb verfallene Ferienressorts zeugen von besseren, oder zumindest ambitionierten Zeiten. Der Haupttourismus konzentriert sich wohl eher am Nordufer – der Hauptgrund, warum wir die Südroute gewählt haben. Wir landen in Tamga und finden ein nettes Guesthouse mit überraschend verhandlungsbereiter Gastgeberin. Am nächsten Tag ist Wahltag. Das ganze Land ist mit riesigen Wahlplakaten „geschmückt“. Die zwei Kandidaten, die dabei das größte Wahlwerbebudget aufbringen konnten, sind der Oligarch Babanow sowie der ehemalige Regierungschef und Favorit des aktuellen Präsidenten Scheenbekow. Für Kirgistan ist dieser Tag besonders bedeutsam, weil zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Landes ein Amtsinhaber nach seiner Amtszeit sein Amt auch freiwillig räumt. Das ist nicht unbedingt üblich hier. Auf den Straßen ist auf jeden Fall allerhand los. Jeder scheint wählen zu gehen. Ein bisschen Volksfeststimmung. An vielen Wahllokalen wurden große Lautsprecher installiert, welche die Umgebung mit Musik beschallen. Auffallend viele Männer sind bereits am Vormittag betrunken. Nach der Wahl erstmal ordentlich einen heben, oder betrunken zur Wahl? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall ist eindeutig spürbar, dass es nicht nur irgendein Sonntag ist. Gewonnen hat am Ende nach einem landesweit friedlichen Wahltag der Favorit Scheenbekow mit 55%.

Wir verlassen am Wahlsonntag den Issyk-Kul und erreichen am Abend die Stadt Karakol. Zeit für einen Pausentag. Vorräte auf dem Basar auffüllen, Essen gehen und die Erkältung etwas auskurieren. Der Basar ist voll von Plagiaten. Neben ADIDAS taucht auch häufig ABIBAS oder ADIDA auf. So ziemlich jeder läuft in diesen Adidas-Sachen herum, entweder nur Schuhe, oder gleich in kompletter Montur. Auf dem Markt gibt es auch kaum andere Sachen zu kaufen. Diese vermeintlichen Markensachen haben hier einen äußerst hohen Stellenwert. Auch kleben an jedem zweiten Auto entweder riesige ADIDAS-Aufkleber, oder Aufkleber der jeweiligen Automarken. Jeder muss die Marke aus großer Entfernung erkennen können, scheint die goldene Regel zu sein. Dabei gibt es effektiv nur zwei Automarken, die wirklich omnipräsent sind. Lada und Audi. Jeweils mindestens 30 Jahre alt. Ohne Mist! Die fahren hier noch diese alten eckigen Audi 80 und 100, die in Deutschland wohl vor 20 Jahren als vollkommen wertlos beim Kfz-Verwerter gelandet sind. Hier sind die Kisten Gold wert und laufen immer noch. Generell stellen wir in diesem Zusammenhang fest, dass so ziemlich jedes Land dieser Reise sein typisches Fahrzeug vorweisen konnte. In Rumänien ist es der Dacia Logan, in Georgien sind es die alten Ford Transit aus den Früh-90ern, in Aserbaidschan diese schönen eckigen Ladas sowie Mercedes Benz aus den 80ern, in Tadschikistan sind es die Opel Astra aus den 90ern und in Kirgistan nun vorwiegend wieder Ladas und die alten Audis die primär das Straßenbild prägen. Wenn wir mal über unser Handy die Nachrichten daheim lesen und dabei Fotos von Deutschen Straßen sehen, fällt uns inzwischen selber schon die Kinnlade herunter, dass daheim kein Auto älter als 10 Jahre ist. Da wissen wir auch, warum uns hier hinten jeder für superreich hält.

Wir verlassen Karakol über eine Nebenstraße, auf der der Verkehr rasch nachlässt, je weiter wir uns von der Stadt entfernen. Die goldgelbe Herbstlandschaft zeigt sich von ihrer besten Seite. Viele Pferde- und Kuhherden machen das Bild komplett. Wir sind nun auf dem Weg zur Grenze. Von Kirgistan gibt es leider nicht viele Landkarten. Zwei oder drei vielleicht. Alle aus Europa. Regionale Karten zu bekommen ist quasi unmöglich. Zwei dieser West-Karten haben wir jedenfalls studiert und mussten einer die Information entnehmen, dass der Grenzübergang nach Kasachstan nur bis Oktober geöffnet sei. Das Auswärtige Amt kann hier auch keine besseren Infos liefern, da die Grenze offenbar ohne Vorankündigung nach Belieben geöffnet oder geschlossen wird. Es gibt keinen festen Termin. Der Grenzübergang befindet sich auf fast 2000 m und beim Weg dorthin handelt es sich nicht gerade um eine Hauptroute. Wir fahren auf einer Straße mit der Kurzbezeichnung A364. Die Südroute am Issyk-Kul hieß A363 und war durchgängig recht breit und asphaltiert. Auf unserer Karte sind beide Straßen so eingezeichnet, wie man in einer deutschen Karte eine Staatsstraße einzeichnen würde. Also strampeln wir guter Dinge den Bergen entgegen. Noch vor der Grenze gilt es einen letzten Pass zu überwinden. Je näher wir den Bergen kommen, umso schlechter wird die Straße. Asphalt wird zu Schotter, Schotter wird zu Wellblechpiste und diese Piste wird allmählich immer kleiner, schmaler und einfacher.

Zwei Dörfer durchfahren wir noch. Viele Touristen kommen hier nicht entlang. Das merken wir schon am Verhalten der Menschen. Kein großes „Hello – Hello“, eher schüchterne Blicke und freundliches zurückhaltendes Lächeln, sowie scheue, zurückhaltende Kinder. Am Ende des zweiten Dorfes biegen wir auf einen noch kleineren Pfad ab, der höchstens noch die Bezeichnung Forstweg verdient hat und uns stark an unsere Offroad-Strecke durch Swanetien (Georgien) erinnert. Weicher Kies, durchsetzt mit großen rundgelutschten Steinbrocken stellt die Wegbefestigung dar. Es geht steil bergauf. 8% zeigt der Tacho und das noch nicht mal an der steilsten Stelle. Der lose Untergrund macht fahren quasi unmöglich. Bei solchen Steigungen sind wir ja ohnehin nicht schnell, 4-5 km/h vielleicht. Entscheidend ist aber wirklich der Untergrund. Auf Asphalt sind kurze Zwischenstücke mit 15% mit unseren schweren Rädern gerade noch so machbar. Auf losem Schotter sind 7-8% das Höchste der Gefühle. Je langsamer man fährt, umso mehr lenkt man um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Im Schotter rutscht so das Vorderrad ständig weg und gräbt sich ein. Kein Genuss. Schließlich müssen wir schieben, finden aber am Ende des ersten steilen Anstieges ein wunderschönes Plätzchen für unser Zelt. Am nächsten Tag durchfahren wir den malerischen Gebirgsausläufer. Landschaftlich eine absolute Perle. Hügeliges fast baumloses Grasland, durchzogen von vielen kleineren Bächen, dient es den Wanderhirten in den Sommermonaten offenbar als Weideland. Wir entdecken einige bereits verlassene Jurtenplätze und stellen uns vor, wie es hier zur warmen Jahreszeit wohl sein mag. Auf jeden Fall wären wir da nicht komplett allein hier. So viel steht fest.

Sowie wir den kleinen Gebirgszug hinter uns gelassen haben, schlägt das Wetter um. Hat die Sonne am Vormittag die Luft schon wieder auf knapp über 20 Grad aufgeheizt, pustet uns nun auf den letzten Kilometern nach Kasachstan eisiger Wind entgegen. Die Straße zur Grenze ist auf unserer Karte noch einen Bedeutungsgrad höher als die bisherige eingezeichnet. Was wir finden, ist aber wieder nur eine verdammte Wellblechschotterpiste. Für die knapp 30 Kilometer bis zur Grenze brauchen wir fast 4 Stunden. Der Wind wird immer stärker und diese Piste macht uns völlig mürbe im Kopf. Was für ein Kraftakt. Wenige Kilometer vor der Grenze schließlich – ein Wegweiser. Wir verlassen die Piste und fahren auf schlechtem Asphalt nun komplett gegen den Wind. Von den 22 Grad am Vormittag sind noch 4 Grad übrig. Schlechtwetter zieht auf. Ringsum verschwinden die Bergspitzen in dichten, dunklen Wolken, die zunehmend bis zum Boden reichen. Unsere Straße führt geradewegs direkt in eine dieser Wolken hinein, doch vorher stehen wir an der Grenze.

Auch den Grenzern ist kalt. Die Ausreise klappt ohne große Worte. Bei der kasachischen Einreise spricht man sogar etwas Deutsch. Die Stempel sind schnell im Pass, doch bevor man uns einreisen lässt, dürfen wir nochmal alle Taschen öffnen. Es sind inzwischen nur noch 3 Grad, der Wind bläst weiter kräftig und unsere Hände sind schon vom Warten an der Passkontrolle völlig taub. Aber was haben wir für eine Wahl. Zum Diskutieren fehlt uns die Kraft, also sind wir kooperativ. Wir sitzen eh am kürzeren Hebel. Das Abbauen der Taschen dauert einige Zeit, mit gefrorenen Händen umso länger. Und was ist das Ende vom Lied? Bei jeder Tasche wird immer nochmal kurz gefragt „Schto eta?“ (Was ist das?) – Wir antworten jeweils: Unsere Schmutzwäsche, eine Zahnbürste, ein Handschuh. Effektiv guckt aber keiner wirklich in die Taschen. Im Grunde sind wir darüber zwar nicht böse, doch welchen Sinn die Aktion dann tatsächlich hatte, bleibt im Verborgenen.

Eine halbe Stunde später ist alles wieder irgendwie an den Rädern festgebunden. Wir sind völlig durchgefroren. 2 Grad. Immer noch eisiger Wind. Wir haben die Schlechtwetterwolke erreicht. Nebel. Die Temperatur fällt weiter. Auf unseren Jacken bildet sich eine dünne Eiskruste. Die Sicht fällt auf vielleicht 20 m. Wir suchen einen Zeltplatz. Die Sicht reicht noch gerade so, dass wir erkennen können, dass links und rechts des Weges alles sumpfig ist. Nicht gut. Der Asphalt reicht nach der Grenze nicht mehr wirklich weit. Wieder eiern wir über wellige Schotterpiste – dank des dichten Nebels relativ orientierungslos. Immer wieder blicken wir auf die Uhr. Der Sonnenuntergang rückt unaufhaltsam näher – ein Zeltplatz muss her. Bei Nebel und Dunkelheit etwas zu finden, ist völlig aussichtslos. Wir handeln pragmatisch, wuchten die Räder über einen kleinen Erdwall und stellen das Zelt rasch neben die Grundmauern eines alten Hauses. Soweit wir blicken können, scheint hier niemand weiter zu sein – also im Umkreis von 20 m … Irgendwo oberhalb unseres Platzes hören wir Hunde kläffen und erahnen die Lichter eines Treckers. Sind wir hier doch nicht allein? Am Abend und in der Nacht kommt das Kläffen näher. Der Köter steht einige Zeit vor unserem Zelt und kläfft sich heiser. Später kommt auch noch einer mit einer Taschenlampe und leuchtet unser Zelt an. Ok… Wir sind hier offenbar nicht allein. Können wir jetzt aber auch nichts mehr dran ändern. Zu Beginn unserer Reise hätten wir uns in so einer Situation vor Angst wohl fürchterlich ins Hemd gemacht. Und jetzt? Wir schlafen ein…

Der nächste Morgen bringt Licht ins Dunkel. Der Nebel ist weg und wir blicken auf ein herrlich schneebedecktes Bergpanorama. Es hat geschneit. Die Wiese, unser Zelt, die Fahrräder – alles ist von einer dünnen Schneeschicht überzogen. Der Blick zur anderen Seite aus dem Zelt zeigt: Wir stehen quasi in der Zufahrt zu einem recht großen Bauerngehöft. Na hoppla 🙂 Wir frühstücken in aller Ruhe im Zelt. Seit wir in Bishkek Gaskartuschen bekommen haben, können wir sogar im Zelt kochen. Mit Benzin war uns das immer zu heikel, weil da doch ab und an mal eine Stichflamme aus dem Kocher zischt. Welch ein Komfortzugewinn! Beim Zeltabbauen kommt der Grundstücksbesitzer und erkundigt sich nach unserem Wohl, dem Woher und dem Wohin. Dass wir aus Unwissenheit in seinem Garten geschlafen haben, ist überhaupt kein Thema. Nach dem eisigen Kasachstanstart vom Vorabend gefällt uns dieser Start nun deutlich besser!

Wenige Momente nach unserem Losfahren hält ein Auto hinter uns. Amir und sein Cousin steigen aus. Beide sind begeistert von unserem Vorhaben und noch begeisterter, als sie hören, dass wir in wenigen Tagen in Almaty – ihrer Heimatstadt – ankommen wollen. Amir gibt uns seine Kontaktdaten und wir verabreden uns für Almaty. Zum Schluss bekommen wir noch gut 2 kg Äpfel geschenkt. Genial!

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Wir lernen Amir und seinen Cousin kennen und werden zu ihnen nach Almaty eingeladen

Im nächst größeren Ort – Kegen – finden wir einen Geldautomaten und können uns erstmal mit der Landeswährung eindecken. 50€ entsprechen etwa 20.000 kasachischen Tenge. So viel Geld hatten wir noch nie in der Tasche! Die Beschaffung des Geldes war aber auch eine Erfahrung für sich. Als Deutscher ist man insbesondere bei Finanzgeschäften eine hohe Diskretion gewohnt. Jeder hält ohne Aufforderung einen gewissen Mindestabstand zu dem, der gerade den Geldautomaten bedient. Ganz anders hier. Ich bin der Einzige, der sich überhaupt mit etwas Abstand anstellt. In der Folge werde ich von allen anderen Geldinteressierten gar nicht als wartend wahrgenommen. Alle stellen sich vor mir an. Die Leute, die gerade Geld abheben, habe ich als älteres Paar gedeutet – sie standen halt auch wirklich zu zweit direkt vor dem Gerät. Doch weit gefehlt.. Opa zieht seine 23.000 Tenge und geht seiner Wege, während Oma nun ihrerseits mit dem Abhebevorgang beginnt. Ich habe mich unterdessen von meinem blöden deutschen Diskretionsabstand verabschiedet und beuge mich den hiesigen Gegebenheiten. Das heißt aber noch nicht, dass man schneller dran ist, denn es wird sich natürlich in zwei Schlangen angestellt. Es gibt zwar auch zwei Automaten, von denen funktioniert aber nur einer – also stehen auch beide Schlangen an nur einem Automaten an. Als ich endlich irgendwann dran bin, habe ich mich längst davon verabschiedet, hier in Ruhe die Kohle aus dem Geldschlitz ziehen zu können. Gerade so konnte ich halbwegs verdeckt meine PIN eingeben, da drängelt es von beiden Seiten. „Wieviel wird der Ausländer wohl abheben?? Oh – er wählt Englisch als Sprache! Kommt mal alle her, da hebt einer auf Englisch ab! Habt ihr sowas schon gesehen? Nee, zeig nochmal! Kannst du lesen was da steht? Mach dich mal nicht so breit, ich sehe ja gar nichts! 20.000! Wieviel? 20.000 hab ich gesagt! Der hebt 20.000 ab! Aber der kommt doch aus Europa?! Wieso hebt der denn nur 20.000 ab? Die haben doch viel mehr! Sogar Akylbek hat vorhin 23.000 abgehoben! Ja, hab ich auch gesehen! Seltsam…“. Ja.. so ungefähr lief das ab, wenngleich der Gesprächs- und Gedankenverlauf nur dem entspricht, was ich in dem Moment in die Leute hinter mir reininterpretiert habe.

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Diskretion in Kasachstan. Wer nicht direkt mit am Automaten steht, hat keine Chance auch mal an der Reihe zu sein.

Gute zwei Tage später erreichen wir DAS Highlight der Region: Den Charyn-Canyon. Lange haben wir überlegt, ob wir überhaupt hinfahren sollten. Während meine Erkältung immer besser wird, hat sich Aileen offenbar erneut bei mir angesteckt – und das obwohl wir nachts noch nicht mal frieren. Unsere Schlafsäcke sind wirklich Gold wert! Der Weg zum Canyon führt jedenfalls durch Steppenland. Seit der Grenze hat sich die Landschaft eigentlich weitestgehend in eine wüstenartige Steppe verwandelt – anfangs zwar noch sumpfig, je weiter man ins Land vordringt dann aber immer trockener. Wir mögen diese Art der Landschaft inzwischen sehr. Du siehst einen Punkt in der Landschaft. Einen Ort zum Beispiel. Orte kommen hier nur alle 50 km. So wie man den Ort sieht, bildet man sich ein, auch binnen kürzester Zeit dort zu sein. Eine halbe Stunde später stellt man jedoch ernüchtert fest, dass der Ort noch kein bisschen nähergekommen ist. Entfernungen hier einzuschätzen ist fast unmöglich. Die Straße geht schnurgeradeaus. Wenn sie dazu auch noch leicht ansteigt, kann man ihren Verlauf für 30 und mehr Kilometer problemlos einsehen. Neben der Straße zieht eine Kamelherde in einiger Entfernung an uns vorbei. Unsere imaginäre Liste „Tiere, die es zu Hause nicht gibt“ ist um eine weitere Zeile länger geworden. Wirklich sehr beeindruckend!

Der Canyon liegt gute 13 km von der Hauptstraße entfernt. Ausgefahrene Wellblechpiste und Gegenwind bremsen uns schon wieder aus. Je langsamer man fährt, umso mehr bekommt man von seiner Umgebung mit. Links und rechts des Weges gucken überall kleine Köpfchen aus der Erde. Wüstenflitzmäuse nennen wir sie, was die Tiere in Aussehen und Verhaltensweise ausreichend beschreibt. Sandratten ist wohl der korrekte Begriff. Auf jeden Fall sind die Tierchen eine sehr unterhaltsame Abwechslung bei der Fahrt über die buckelige und nicht enden wollende Zufahrtsstraße zum Canyon.

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Kasachische Wüstenflitzmaus

Erst zum Abend erreichen wir den Canyon. Der Sandstein auf beachtliche Weise ausgewaschen. An den Felswenden sind noch die feinen Schichten des einstigen Meeresbodens gut erkennbar. Zelten im Park ist überhaupt kein Problem und so suchen wir uns in der Nähe eines Aussichts-Pavillons einen netten Platz – direkt daneben geht’s steil nach unten. Wohl einer unserer spektakulärsten Zeltplätze. Im Licht der aufgehenden Sonne sieht die Schlucht wirklich majestätisch aus. Es ist noch sehr früh am Morgen. Trotz Wochenende ist noch kein Besucher in Sicht. Wir haben das ganze Areal für uns. Es führt ein steiler Weg ins Tal hinab. So steil, dass wir dort mit unseren schweren Rädern nie und nimmer wieder hochgekommen wären. Also lassen wir unser ganzes Zeug am Morgen in dem naheliegenden Pavillon stehen und laufen über einen der Bergpfade hinab. Der kleine Wanderausflug entpuppt sich als anspruchsvoller Bergweg mit einigen Kletterpassagen. Oder wir sind einfach vom Weg abgekommen? Der einzige Wegweiser zeigte ein Treppensymbol und entließ uns in die wilde Felslandschaft. Ohne Treppen. Ohne wirklichen Weg. Unten im Tal gibt es neben dem Charyn-Fluss noch ein kleines Jurtencamp mit Restaurant. Als wir halb 10 mit Frühstücken im Camp und Wasser-filtern am Fluss fertig sind und uns langsam wieder auf den Rückweg machen, setzt der Strom der Touristen ein. Ein Jeep nach dem anderen, sowie Heerschaaren von Menschen kommen uns entgegen. Und als wir wieder oben am Rande des Canyons ankommen, stellen wir entsetzt fest, dass das Areal schon fast überlaufen wirkt. Mit Reisebussen werden die Leute hier hergekarrt. Doch die interessanten und wunderschönen Felsformationen des brüchigen Sandsteins sind es auch wert. Wir selbst verlassen ebenfalls erst spät nach Mittag das Areal.

Drei Nächte verbringen wir anschließend in der herrlichen, leicht hügeligen Berglandschaft östlich von Almaty. Wir wählen eine kaum befahrene Route, die uns direkt am Fuße der Berge durch dünn besiedeltes Kultur- und Weideland führt. Bei einer zweiten Frühstückspause lernen wir Medet kennen. Er hat unsere Räder am Straßenrand gesehen und prompt angehalten, um sich zu uns in die Wiese zu setzen. Wir lernen einiges aus dem Alltag der Kasachen. Das Essen hier ähnelt noch sehr der kirgisischen Küche. Kumis (vergorene Stutenmilch) sowie Pferdefleisch sind Nationalgericht. Die Kasachen gehen außerdem gern auf Jagd (was wir abends auch immer in Form von vielen Schüssen zu hören bekommen) und zeigen sich gern in Fotos mit ihrer Beute. Hasen, Füchse, Rehe, Wölfe und große Greifvögel. Je exotischer, desto besser. Und eins lernen wir noch: Haben uns in Kirgistan noch viele berichtet, dass pro Ehepaar 8-10 Kinder völlig normal seien, so sind es in Kasachstan 10-15 Kinder. Pro Frau. Ja… In Kasachstan ist es auch vollkommen normal, mehr als eine Frau zu haben. Medet hat z. B. zwei Frauen, die Kinder sind aber noch in Arbeit. Arterhaltung durch Vermehrung wird in diesem Land äußerst aktiv praktiziert. Amir erklärt uns später, dass die Kasachen dies als Sinn des Lebens sehen. Haben sie ja auch grundsätzlich nicht unrecht.

Nach ein paar Tagen erreichen wir schließlich Almaty. Unsere gewählte Route blieb weitestgehend ruhig und auch die Fahrt in die Stadt war ein regelrechtes Verwöhnprogramm. So entspannt sind wir lange nicht mehr in eine Großstadt eingerollt. Almaty war bis 1997 Hauptstadt Kasachstans und ist immer noch wirtschaftliches, kulturelles und wissenschaftliches Zentrum des Landes. Die Stadt orientiert sich ganz klar nach Westen. Mc Donalds, KFC und Burgerking fallen uns seit Baku erstmals wieder ins Auge. Auf den zweiten Blick fallen die zahlreichen Boutiquen sämtlicher namhafter Designerlabels auf. Die Stadt ist sehr sauber. Nirgendwo liegt Müll und wenn doch, wird dieser umgehend beseitigt. Raucher werfen von sich aus ihre Zigaretten in Mülleimer. Sowas kann ich mir ja noch nicht mal bei uns zu Hause vorstellen. Almaty ist definitiv sauberer, als die durchschnittliche deutsche Großstadt. Auf den Straßen der Stadt fahren nun statt der alten Audis edel blankpolierte Luxuswagen von Mercedes, Lexus und insbesondere Toyota herum. Und davon viele. Besonders die riesigen Geländepanzer von Toyota prägen das Bild im rasterförmig angelegten Straßennetz. Die Kasachen fahren gerne große Autos, erklärt Amir, als wir ihn einen Tag nach unserer Ankunft wiedertreffen.

Das Wiedersehen mit Amir mündet direkt in einem vollkommen unerwarteten Ausflug. Zunächst geht es in das Café seines Bruders, was nur ein paar Straßen von unserer recht zentralen Unterkunft entfernt liegt. Amir hat eine große Familie, die in Almaty in verschiedenen Gewerben selbstständig tätig ist. Neben dem Café, welches nach deutschem Verständnis ein Restaurant ist, gibt es da eine Autowäsche und noch einen Vertrieb für medizinische Produkte. Außerhalb der Stadt ist die Familie zudem noch in der Landwirtschaft tätig und baut Kartoffeln im großen Stil an. Eine sehr fleißige Familie also – und offenbar dadurch auch recht wohlhabend. Zum Essen lädt uns Amir ein. Laghman – ein Nudelgericht mit Hammelfleisch und Gemüse – ist eigentlich eher aus der kirgisischen Küche bekannt, schmeckt aber auch hier vorzüglich! Nach dem Essen fahren wir mit Amir und seinem Cousin in die Berge. Almaty liegt direkt am Fuße eines Bergmassives mit mehreren Gipfeln deutlich über 3000 m. Gemeinsam mit Amir und seinem Cousin düsen wir nach Shymbulak. Hier befindet sich das Hausskigebiet für Almaty. Mit dem Auto braucht man etwa eine dreiviertel Stunde bis hier her, muss allerdings irgendwann in eine Gondel oder einen Bus umsteigen. Wir fahren Bus und staunen nicht schlecht, wie steil es hier nach oben geht. Binnen kürzester Zeit erreichen wir so eine Höhe von 2260 m. Zum Vergleich: Almaty liegt auf rund 800 m über dem Meer. Wir haben das Skigebiet erreicht. Den Skifahrer befördern nun mehrere Seilbahnen auf bis zu 3200 m. Schnee liegt dafür noch nicht wirklich. Bei gutem Wetter hat man von hier oben allerdings einen tollen Talblick bis auf Almaty. Smog versperrt uns diesen jedoch leider. Der Besuch auf dem Berg war dennoch sehr schön.

Zurück in der Stadt quälen wir uns durch die abendliche Rushhour. Dabei müssen wir feststellen, dass die halsbrecherische Fahrweise unseres kirgisischen Taxifahrers durchaus noch steigerbar ist. Mit Vollgas wird jede noch so kleinste Lücke genutzt um wertvolle Meter zu machen. Auf dem innerstädtischen Highway fließt der Verkehr sehr langsam und träge, während wir mit gut 100 Stundenkilometern im großen Slalom über die mehrspurige Fahrbahn schießen. In Kirgistan hätte man hier noch gehupt um auf sich aufmerksam zu machen, doch das ist hier sinnlos, denn dafür sind wir eh zu schnell. Uns steht der Schweiß auf der Stirn, doch auch diese Videospiel-Fahrt überleben wir unbeschadet und dürfen nun ins Reich von Amirs Familie eintauchen, wo wir zum Abendessen eingeladen sind und Amirs Frau, sowie die beiden Kinder kennen lernen. Schließlich hatten wir einen echt schönen Tag zusammen und sind superfroh, dass uns Amir an der Grenze aufgegabelt hat. 😊

Auch Arne ist in Almaty. Wo soll er auch sonst sein 😊 Arne ist einfach schnell. Haben wir vom Charyn-Canyon allein 4 Tage bis Almaty gebraucht, hat er von Almaty aus startend den Canyon im Rahmen einer 3-Tages-Tour besichtigt. Das sind gut 460 km Fahrt plus die notwendige Zeit zur Besichtigung des Canyons. Großer Respekt! Am Tag nach dem Treffen mit Amir treffen wir uns nochmal mit Arne. Wir wollen gemeinsam nochmal das Restaurant von Amirs Bruder besuchen, müssen aber bei unserem Eintreffen vor Ort leider feststellen, dass die Feuerwehr gerade fertig ist, das Lokal abzulöschen. Die Bediensteten versuchen noch zu retten, was zu retten ist. Alles ist triefend nass. Der Dachstuhl hat gebrannt. So eine Scheiße! Fassungslos stehen wir vor dem Gebäude und bemerken eher beiläufig, dass Amir genauso fassungslos neben uns steht. Die Familie ist beisammen. Traurige Gesichter. Wir drücken unser Mitgefühl aus und müssen nun leider auf ein anderes Lokal ausweichen. Das Treffen mit Arne wird nun wahrlich vorerst das Letzte sein. Er wird am gleichen Tag wie wir die Stadt per Flieger verlassen. Nur in eine andere Richtung. Er fliegt ins warme Bangkok, während wir ins nasskalte Berlin fliegen. Wir sind neidisch und sagen alles Gute Arne!!

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Abschied von Arne über den Dächern Almatys

Unsere Reise neigt sich dem Ende entgegen. Unausweichlich. Verdammt. Bilder ziehen vor unserem inneren Auge vorbei. Was haben wir alles erlebt! Unsere Gedanken sind angereichert mit unendlich vielen Eindrücken. Wir sind überwältigt von der Gastfreundschaft, die uns zu Teil wurde, von der Freundlichkeit der Menschen, der Begeisterung und Offenheit, die sie uns entgegengebracht haben. Wir haben sehr viele interessante Charaktere getroffen, viele Lebensweisen sehen dürfen, viele Lebensmodelle kennengelernt, haben die unterschiedlichsten Landschaften gesehen, können tatsächlich behaupten, alle vier Jahreszeiten irgendwie mitgenommen zu haben. Unser Horizont hat sich gewaltig verschoben, unsere Sicht auf die Dinge in vielen Punkten geändert. Diese Reise war eine großartige Erfahrung. Eine Erfahrung, die nun leider erstmal ihr Ende finden wird. Doch in unseren Köpfen lebt sie weiter. Diese Art zu leben macht in gewisser Weise süchtig und es fällt uns tatsächlich sehr schwer, dieses Leben nun wieder aufgeben zu müssen. Erstmal… Denn nach der Reise ist ja auch irgendwie vor der Reise… Aber jetzt freuen wir uns erstmal auf ein Wiedersehen mit Familie, Freunden und Kollegen 😊 Es gibt ja schließlich viel zu erzählen …

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Die Sachen sind gepackt. Das wars dann wohl…

 

 

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2 Kommentare zu „Km 8240 – улица закрыта! Straße gesperrt!

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  1. Hallo Lars und Aileen!
    Nun seit Ihr wieder zu Hause, worüber wir uns sehr freuen.
    Mit Erleichterung für uns, da wir immer gebangt haben, dass alles gut geht bei Euch, trotz der wahnsinnigen Strapazen in unseren Augen, die Ihr auf Euch genommen habt. Danke für den letzten Bericht, der wie immer aufmerksam von uns gelesen wurde und die Bilder ausführlich betrachteten.
    Liebe Grüße von Oma und Opa.

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